Invergordon, Individualtour, Illness (euphemistisch für äußerst lebensbedrohlich, und die ersten Tage näher am Tod als am Leben)

Ich hoffe sehr, dass dieser Blogartikel nicht die absolute Kraft-, Trost- und Hoffnungslosigkeit ausstrahlt, welche mich bereits an den beiden Seetagen von Island auslaufend und vor dem Einlaufen in den Hafen des schottischen Städtchens Invergordon mit gerade mal 4000 Einwohnern befallen hatte. Verbringe ich doch seit immer tagsüber (und leider auch nachts viel zu wenig davon) auch nur eine Sekunde im Bett, befiel mich bereits am ersten Seetag nach Akureyri eine so große Übelkeit und ein allgemeines Missempfinden sowie eine unbeschreiblich große Erschöpfung, dass ich mich zu jedem einzelnen Aufstehen zwingen musste und es nur durch äußerst große, fast übermenschliche Disziplin schaffte, halbwegs normal am Bordleben teilzunehmen und mich angemessen um die Söhne zu kümmern. Am Abend des ersten Seetags ging es mir allerdings dann schon so schlecht, dass ich die Zwillinge beauftragte, mir in regelmäßigen Abständen von ihrem Lieblingsbarkeeper einen Kamillentee auf die Kabine zu bringen, von dem ich noch nicht einmal das sonst von mir heißgeliebte Mürbteigkeks anrührte.

Im Laufe des zweiten Seetages verstärkten sich meine Ängste und die Gedanken kreisten immer wieder um die Situation, was geschieht, wenn ich mich aufgrund einer ernsteren Erkrankung plötzlich nicht mehr um die Kinder kümmern könnte. Proportional zu den großen Ängsten verstärkten sich auch meine Schmerzen von Stunde zu Stunde mehr, bis ich mich schließlich überwand und abends das Bordhospital aufsuchte. Allein die Hemmschwelle, dieses aufzusuchen, war für mich doppelt hoch. Zum einen ärgerte ich mich sehr über meinen all zu großen Optimismus, aufgrund dessen ich noch nie in meinem Leben eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen habe, zum anderen stellte allein der Weg dorthin von unserer Kabine in die Mitte des Schiffes auf dem Deck 7 zum Bug desselbigen auf dem Deck 2 trotz vorhandener Aufzüge für mich, welche ich unbeschreiblich schmerzgeplagt und wie immer mit Krücken und fußgehandicapt war, als eine für mich fast nicht mehr zu bewältigende Herausforderung dar.

Bereits bei der Patientenaufnahme erfuhr ich, dass das Bordhospital, unabhängig davon, in welchem Land man sich mit dem Schiff gerade befindet, stets nicht nach deutschen Gebührenrichtlinien abrechnet, sondern die Abrechnung aller Behandlungen an Bord einem Privatarztbesuch im Ausland gleichzusetzten ist. So sah ich mich bereits für die nächsten Jahre, ausschließlich für die Bezahlung der Bordrechnungen zu arbeiten. Bemerkenswert ist es tatsächlich, dass jede intensivmedizinische Überwachungsstunde, von denen ich insgesamt an zwei Tagen vier Stunden in Anspruch nehmen musste, bereits mit beachtlichen knapp 500 Euro zu Buche schlug. Es wurde Blut abgenommen und diverse weitere Untersuchungen vorgenommen. Die großen Schmerzen wurden mit Schmerzinfusionen gelindert und trotz der extrem erhöhten Entzündungswerte wurde keine eindeutige Diagnose gestellt, welche mit dem Blinddarm zusammenhängt. So vermutete man zunächst, dass die stark erhöhten CRP-Werte mit der bereits sich wieder verschoben habenden Titanschraube zusammenhängen würden.

So schleppte ich mich nach einigen Stunden wieder in die Kabine zurück, versorgte die Jungs und packte schon einmal sehr geschwächt für den nächsten Tag, für den ich extra eine relativ kostenintensive Individualtour gebucht hatte, um den Jungs für einige Stunden eine exklusive Möglichkeit des Englischsprechens mit einem Nativespeaker zu ermöglichen. Die frühen Morgenstunden begannen genauso wie es die Abendstunden und der gesamte vorherige Tag es für mich dargeboten hatte, mit entsetzlichen Bauchkrämpfen. Waren meine Sorgen in zahlreichen Bereichen deutlich größer geworden, stellte sich zu meinem großen Ärger heraus, dass wir offenbar nun auch um zwei Softshelljacken, welche ich den Jungs extra vor der Reise noch gekauft hatte, ärmer waren.

Nichtsdestotrotz schafften wir es überpünktlich zum verabredeten Zeitpunkt, an dem uns bereits eine ältere Dame, ganz in Flieder gekleidet und mit leicht rosagefärbten Haaren, erwartete. Sie begrüßte uns drei herzlich und nach einem kurzen Smalltalk ging es bereits zum ersten Ziel in Form einer kleinen, familiengeführten Farm, welche unterem anderem Highlandkühe hatte. Auch wenn ich im Prinzip erst einmal nur im Auto sitzen und Konversation betreiben musste, war ich aufgrund der Schmerzen und des miserablen Allgemeinzustandes bereits nach kurzem so erschöpft, dass ich fürchtete, nicht mehrere Stunden auf diese Weise bestreiten zu können.

Unser erstes Ziel erreichten wir nach einer etwa halbstündigen Autofahrt. Wir durften die dortigen Highlandkühe bürsten, füttern und streicheln und zu unserem großen Amüsement hieß die eine Kuh sogar „Dorothy“. Nach dem Bewundern der Schafe, Gänse, Pferde und Kühe und einem kurzen Plausch mit der schottischen Besitzerin – wie gerne hätte ich mich in gesundem Zustand deutlich länger mit ihr unterhalten, kommt man doch nicht wirklich alle Tage zu solch einer Farm in den schottischen Highlands-, bekamen die Zwillinge beim Einsteigen ins Auto – dabei steuerte ich immer reflexartig fälschlicherweise die rechte Autoseite an – noch zwei sehr süße Highlandkühe in Form von Stofftieren als Erinnerung geschenkt.

Unser nächster Halt führte uns in die Kleinstadt Dornoch, welche weniger als 1500 Einwohnerinnen und Einwohner hat, aber zugleich für drei Besonderheiten bekannt ist. So entfaltet die Kathedrale aus dem 17. Jahrhundert eine ganz besondere spirituelle Atmosphäre, von der auch Madonna und Guy Ritchie so angetan waren, dass dort im Dezember 2000 die Taufe ihres Sohnes Rocco stattfand. Zudem darf es sich rühmen, einen der ältesten Golfplätze der Welt zu besitzen. Nicht zuletzt könnte man eine sehr bekannte Whiskey-Brennerei besichtigen. Wir begnügten uns mit einem kurzen Blick in die Kirche sowie dem Betrachten des Gedenksteins, dem sogenannten „Witch’s Stone“, welcher an die grauenhafte letzte Hexenverbrennung in Schottland erinnert, die im Jahre 1727 stattgefunden hat. Wer immer mich auch nur halbwegs gut kennt, weiß, dass es mir schon exorbitant schlecht gehen muss, wenn ich in einem Ort bin, der unter anderem ein ganz exklusives Schokoladengeschäft aufweist mit dem wohlklingenden Namen „Cocoa Mountain“ und ich weder in der Lage war, auch nur einen winzigen Schluck der angeblich „besten heißen Schokolade der Welt“ zu mir zu nehmen, ohne dass ich mich unverzüglich in hohem Bogen übergeben hätte müssen noch überhaupt imstande war, die wenigen hunderte Meter von unserem Parkplatz dorthin zu gehen.

So blieb uns nichts anderes übrig als früher als eigentlich geplant zum nächsten Highlight, dem „Dunrobin Castle“ zu fahren. Mittlerweile ging es mir bereits so schlecht, dass ich alles nur noch wie durch einen Schleier wahrnahm, und mich zwang, rein mechanisch für die Kinder noch bestmöglich trotz allem zu funktionieren. Dank des Schwerbehindertenausweises unserer lieben schottischen Chauffeurin Jane parkten wir direkt vor dem Schloss. Normalerweise hätte ich mit Sicherheit lange Zeit in diesem so besonderen Schloss verbracht. Schmerzverkrümmt durchlief ich dagegen nun innerhalb von maximal fünf Minuten die Schlossräume, bevor ich den beiden Söhnen zu meinem Bedauern mitteilte, dass ich mich dringend auf den Rasen hinlegen müsse. Ich vermute, dass die beiden zwar etwas verwundert, aber keineswegs traurig darüber waren, dass anders als wie gewöhnlich die Besichtigungen auf ein Minimum reduziert waren.

Und so konnte ich erst nach dem Überstehen des lebensgefährlichen Blinddarmdurchbruchs zu Hause nachlesen, dass das Dunrobin-Schloss, das bereits von außen an ein wahrhaftiges Walt Disney-Märchenschloss erinnert, die historische Heimat der Grafen und Herzoge von Sutherland ist. Es wird seit unzähligen Generationen auch noch regulär bewohnt, wobei ein Teil der unglaublichen vielen 189 Räume in einem Teil des Jahres für Touristen zugänglich gemacht worden ist.

Vom Rasen oberhalb des Schlosses erhaschte ich einen kurzen Blick auf die imposante Gartenanlage, bevor wir dank des doppelten Behindertenstatus von Jane und mir das Privileg hatten, mit dem Auto zum unteren Bereich des Parks zu fahren, auf dessen Gelände am Nachmittag noch eine interessante Falknerei-Vorführung angeboten wurde. Leider ging es mir so schlecht, dass zwar die Worte des sympathischen und sehr kundigen Falkners mein Ohr erreichten, ich aber in keiner Weise in der Lage war, auch nur einen Satz davon intellektuell zu verarbeiten. Ich hoffe sehr, dass die Jungs deutlich mehr von der Greifvogel-Flugschau mitgenommen haben. Ich erinnere mich einzig noch an die immer stärker werdenden Rückenschmerzen meinerseits, so dass wir sogar die Falkner-Show frühzeitig verlassen mussten.

Eigentlich wären im Anschluss noch einige weitere Programmpunkte angestanden. Aufgrund meines Gesundheitszustandes beschränkten wir uns allerdings auf einen kurzen Autostopp, bei dem ich noch nicht einmal ausstieg, beim Loch Fleet, das uns tatsächlich in relativer Nähe aufgrund der aktuellen Ebbe einen Blick auf zahlreiche Seehunde im Wasser und im Meer gewährte. Als letztes wurden wir von Jane noch in das schottische Erziehungs- und Bildungswesen eingeführt und fuhren an einer hochmodernen Schule vorbei, welche erst kurz zuvor ihren Unterrichtsbetrieb aufgenommen hatte. Wie gerne wäre ich mit den Jungs noch etwas in Invergordon selbst herumgebummelt und hätte ihnen die verschiedenen Graffitis an den Mauern gezeigt, so aber schleppte ich mich mit letzter Kraft auf das Schiff, wo die Jungs alsbald wieder ihren sportlichen Aktivitäten nachgehen konnten, während ich dermaßen starke Schmerzen hatte, dass ich kaum mehr den Gang zum Lichtschalter oder zur Toilette geschafft hätte.

Insgesamt stand diese Kreuzfahrt leider von Beginn an unter keinem guten Stern und keine einzige Nacht oder Tag war vergangen, an dem ich mich nur annähernd sorgenfrei oder fit gefühlt hätte. Glücklicherweise gab es für die Zwillinge trotz allem wesentlich mehr wirkliche Urlaubsstunden. Allerdings beschäftigen mich immer noch die Worte unseres Jüngsten stark und treffen mich bis in das Mark, der auf meine Frage nach seinem Befinden an einem der letzten Tage vor dem jähen, vorzeitigen Ende unserer Schiffsreise meinte: „Körperlich geht es mir ja soweit wieder ganz gut, aber meine Seele ist schon sehr mitgenommen.“ Solch eine Aussage von einem Elfjährigen zu hören wird wohl jeder Mutter das Herz zerreißen. Um so inständiger hoffe ich, dass es im Laufe der nächsten Monate und Jahre sehr effiziente Pflaster auch für das Verblassen der seelischen Narben bei allen Beteiligten geben wird…

Nach nur einem Seetag und einem Tag Aufenthalt in Hamburg, wo ich mir bereits einen Termin beim Allgemeinarzt wegen meines erbärmlichen Zustandes gesichert hatte und das dringend benötigte Insulin sowie einiges weiteres Diabetesequipment in der Apotheke auf uns wartete, wäre es auf dem zweiten Teil unserer Kreuzfahrt noch einmal nach Invergordon gegangen, wo ich bereits mit den Jungs eine Busfahrt zum Loch Ness geplant hatte. Aber das große, fast tödliche Ungeheuer in meinem Bauch in Form eines Blinddarmdurchbruchs und eines komplett entzündeten Bauchfells wussten die Fortsetzung unserer geplanten Reise ausgesprochen wirkungsvoll zu verhindern…

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