
Leider verspürte ich auch noch vor den ganz dramatischen Ereignissen aufgrund der unterschiedlichsten Hindernisse und den extremen Fußbelastungen während der gesamten Kreuzfahrt so gut wie nie Momente der Leichtigkeit. Hatte sich endlich die grenzenlose Verzweiflung bezüglich ununterbrochen abgeknickter Teflonkatheter und damit unvermeidbarer Ketoazidosen, ständiger Insulinpumpenalarme oder einfach „nur“ Übelkeit/Erbrechen sowie Kopfschmerzen auf Seiten der Zwillinge gleichermaßen wie bei mir kurzfristig zurückgezogen und hatte ich die Panik, dass mir zum allerersten Mal auf all meinen Reisen – obwohl ich stets von allem immer doppelt so viel Diabetesequipment wie eigentlich benötigt einpacke – zu wenig der Katheter, Insulin oder auch der zwingend benötigten Reservoirs im Gepäck vorrätig sein könnten, rückten unverzüglich die ganz banalen Alltagsärgernisse in den Vordergrund.

So war ich doch – noch liebevoll ausgedrückt – recht verwundert, als ich nach einer erneut extrem kurzen Nacht aufgrund ständiger Insulinpumpenalarme (zur Abwechslung dominierte dieses Mal der sogenannte Okklusionsalarm, der ständig vermeldete, dass die lebenswichtige Insulinzufuhr blockiert sei) und einem nächtlichen Katheterstechen mit starken Kopfschmerzen den Zwillingen am frühen Morgen alle Kleidung rausgelegt, die Tabletten bereitgelegt und die Brille des Jüngeren gründlichst geputzt hatte, aus dem Augenwinkel sah, was der Ältere tatsächlich unter der von mir beauftragten Suche nach seiner Bordkarte verstand. So saß er entspannt auf meiner Bettseite – wie sehr ich es hasse, wenn sich jemand mit Straßenkleidung auf meinem Bettlaken niederlässt…) und chillte. Mein Unmut darüber erschien ihm völlig fremd und unangemessen, gab er zu Protokoll, doch sogar eine Schublade durchsucht zu haben. Auch das allerdings nur ausgesprochen oberflächlich, wie ich kopfschüttelnd bei meiner deutlich engagierteren und zielführenderen Suchaktion feststellen musste. So fand sich doch seine Bordkarte ganz vorne, gut sichtbar, in der zweiten Schublade…

Unauffindbar blieb dagegen zu meinem großen Unverständnis ein braun-schwarzer Badeanzug von mir, der definitiv keinen hohen materiellen, dafür einen umso höheren ideellen Wert für mich darstellte. Ich hatte eine kurze Phase, in der die Jungs blutzuckermäßig stabil, gesättigt und friedlich miteinander waren, genutzt, um rasch in die Sauna zu huschen. Meinen nassen Badeanzug -war ich zuvor noch wenige Minuten im Pool, bevor mich so starke Rückenkrämpfe peinigten (im Nachhinein werden dies wohl alles bereits Symptome des stark entzündeten bzw. bereits durchgebrochenen Blinddarms gewesen sein), dass ich das Wasser fluchtartig verlassen musste- hatte ich ordnungsgemäß an den Haken neben das Mineraliendampfbad gehängt.

In der Zwischenzeit hatte ich für unseren Jüngeren noch zwei Akupressurbänder aufgrund des hohen Wellengangs aus unserer Kabine geholt. Bei meiner Rückkehr in den Wellnessbereich blickte ich auf lauter leere Haken, einen verlassenen Bademantel und mehrere herrenlose Handtücher, von meinem Badeanzug keine Spur. Auch das mehrmalige Nachfragen in den nächsten Tagen an der Hauptrezeption und im Wellnessbereich blieb vollkommen erfolglos. So kann nur vermutet werden, dass mein Badeanzug entweder unachtsam vom Reinigungspersonal entsorgt oder auch von wem auch immer gestohlen wurde.

Und auch ein anderes Kleidungsstück fand leider nicht mehr in unseren ursprünglichen Besitz zurück. Von starken Bauchschmerzen und großer Übelkeit gequält, hatte ich mich gerade in das Bett gelegt und ermahnte die Jungs, zum Shuffleboardspielen aufgrund des starken Windes unbedingt die ihnen extra für die Reise von mir neu gekauften Softshelljacken anzuziehen, was sie auch unter einigem Murren taten. Als ich sie zum Anziehen selbiger am nächsten Tag bei unserem Landgang aufforderte, erwiderten sie völlig überrascht, dass die Jacken nicht mehr in der Kabine seien. Ich fluchte und beglückwünschte mich nur kurz innerlich, dass ich genau für diesen Fall der Fälle immer durch die Mitnahme von Ersatzjacken zwar für deutlich mehr Volumen im Koffer, aber auch dem sicheren Erfrieren entgegenwirkte und schärfte ihnen ein, sich intensiv auf die Suche der verlorenen Softshelljacken nach dem Ausflug zu begeben.

Im Laufe des Tages und gewärmt von den Ersatzjacken vergaßen sie selbstverständlich den Auftrag bis zum Abend. Nach einer erneuten Erinnerung starteten sie ausgesprochen halbherzig einen Suchanlauf. Der lieben Julia und ihrer tatkräftigen Mithilfe war es schließlich zu verdanken, dass zumindest die Jacke des Jüngeren wieder auftauchte. Und zwar nicht wie vermutet im Außenbereich von Deck 5, auf dem Shuffleboard gespielt wurde, sondern in dem Teensbereich, im Inneren des vierten Decks. Für einen möglichen Erfolg bei einer fortgesetzten Suche nach der Jacke des Älteren hätten wir deutlich mehr Zeit gebraucht, die uns meine sich dramatisch verschlechternde Gesundheit leider nicht mehr vergönnt hat….

Apropos Gesundheitszustand: ab und zu musste ich mich doch recht über die völlig fehlende Empathie von Groß und Klein wundern. So war bereits der Transport eines Wasserglases mit Krücken und Gehgipsersatzschuh für mich eine Herausforderung. War eine große Anzahl der Passagiere hilfsbereit, anständig, sympathisch und gesprächig, gab es auch immer wieder höchst taktlose, unkultivierte und ausgesprochen unsympathische Leute zu beklagen. Nicht unsympathisch, aber vollkommen gedankenlos gerierte sich ein neu gewonnener Tischtennis- und Schafkopffreund aus dem bayerischen Wald der Jungs. Ich hatte den Kindern mittgeteilt, dass ich rasch unserem Jüngsten Wasser holen würde, da er vor lauter sportlichen Aktivitäten seine Tabletteneinnahme völlig übergangen hatte. Da wollte mir doch tatsächlich besagter Freund den Auftrag erteilen, ihm bei dieser Gelegenheit noch einen Strawberry Colada mitzubringen. In Ermangelung einer dritten Hand musste ich ihm diesen Wunsch leider in meiner besonders gehandicapten Situation mit Krücken ausschlagen….

Kaum hatten wir den Rückweg von Island mit zwei Seetagen über Schottland nach Deutschland angetreten, ging es mir von Tag zu Tag wesentlich schlechter. Zu Beginn rechnete ich dies noch einem allgemeinen Erschöpfungszustand zu, ausgelöst durch den tagelangen, extremen Schlafmangel sowie die exorbitant großen gesundheitlichen Sorgen um die Zwillinge, im tiefsten Inneren verspürte ich allerdings eine so gar nicht beruhigende Vorahnung…




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