
„How old are you?“ „I’m fine, thanks.“ beantwortete unser Jüngster sehr höflich, wenn auch inhaltlich nicht korrekt die Frage nach seinem Alter, als wir gerade das Boot zu einer dreistündigen Walbeobachtungstour bestiegen hatten. Nach dem dem Besuch in dem kleinen botanischen Garten, welcher noch nicht einmal 100 Kilometer vom Polarkreis entfernt ist und einem kurzen Bummel in der Innenstadt von Akureyri, das wesentlich bunter, einladender und auch wärmer als die nördlichste Hauptstadt der Welt in Form von Reykjavik wirkte, hatten wir uns auf dem Schiff eingefunden, das sehr tiergerecht jeden Tag zu unterschiedlichsten Zeiten Fahrten für eine Walbeobachtung anbietet, allerdings ohne jede Garantie, dabei auch wirklich eines der faszinierenden Tiere zu Gesicht zu bekommen, arbeiten sie doch völlig ohne irgendwelche elektrischen Signale, sondern fahren rein auf Sicht. Wir hatten erfahren, dass der vormittäglichen Tour kein Walsichtung vergönnt war und so konnten wir nur auf unser Glück hoffen.

Akureyri zaubert übrigens jedem Ampelwartenden ein Lächeln ins Gesicht, wird man doch zum jeweiligen Ampelstop durch ein ganz besonderes Symbol in rot, einem Herz, aufgefordert. Zudem macht sich die große Natur- und Nationalverbundenheit unter anderem in dem Wehen von unzähligen isländischen Flaggen bemerkbar, deren drei Farben allesamt für Naturphänomene stehen. So symbolisiert das Weiße den Schnee und das Eis, das Rote das Feuer und die Vulkane sowie das Blaue das Wasser der Seen und des Nordatlantiks.

Die Jungs waren erschlagen vom nächtlichen Bordleben, den Blutzuckerkatastrophen und dem allgemein zu späten ZuBettgehen nach dem allabendlichen Spielen und waren ziemlich ermattet in den Sitzen gehangen, was auch bestens die zunächst etwas ungewöhnliche Antwort des Jüngeren auf die Frage nach seinem Alter erklärte. Er verstand jedoch schnell, dass er sich mit elf Jahren noch während der gesamten Walbeobachtungstour eine Schwimmweste zur Sicherheit überziehen musste. Wir erfuhren von der Exkursionsleiterin, dass man die Wale an manchen Tagen bereits nach wenigen Minuten in Hafennähe findet, während man an anderen Tagen völlig ergebnislos nach einigen Stunden wieder den Hafen von Akureyri anläuft. Da alle Arten von elektronischen Geräten die Wale stören würde, arbeiten die Schiffe einzig mit dem Austausch mit den anderen Kollegen, welche sich ebenfalls gerade auf einer Walbeobachtungstour befinden, den bloßen Augen sowie der Verwendung von Ferngläsern.

Wir erfuhren, dass das Erste, das man von den Walen sieht, große Wasserblasen, die Fontänen ähneln, seien. Entstehen diese doch immer, wenn die Wale ausatmen. Manchmal kann man zudem den Wal auch aufgrund eines relativ strengen Geruchs riechen oder auch anhand von darüber kreisenden Vögeln schneller erkennen. Bei Eiseskälte oben auf dem Deck – ich fror ziemlich, da ich den eigentlich vorhergesehenen, wärmenden Thermoanzug nicht über den Gehgipsersatzschuh darüber gezogen bekam- hatten wir schließlich nach über 80 Minuten Bootsfahrt das Glück, zwei Buckelwale zu sehen.

Dabei fand ich es am beeindruckendsten, sowohl als erstes Zeichen der Anwesenheit der Wale ihr Ausatmen anhand einer großen Fontäne zu sehen als auch kurz vor dem Verschwinden des Wals den Abschlag mit seiner äußerst fotogenen Schwanzflosse zu bewundern. Leider konnte ich aufgrund des kaputten Fußes kaum stehen. Zudem waren wir, da sich die Wale etwas weiter auf dem Nordatlantik als am Tag zuvor befanden, unter Zeitdruck, hatte ich doch den Jungs zuliebe noch einen Eintritt in eines von Islands neuesten und bekanntesten Thermalbädern, der sogenannten Forest Lagoon, gebucht. Dorthin sollte laut Plan einmal in der Stunde ein kostenloser Shuttebus verkehren.

Aufgrund der verlängerten Walbeobachtungstour verpassten wir den anvisierten Bus und gerieten in ziemlich Zeitnot, war doch alles sehr eng bis zur Abfahrt des Kreuzfahrtschiffes getaktet. Abermals bewunderte ich unseren Jüngeren, als er ganz selbstverständlich und selbstbewusst, während ich bereits relativ aufgelöst war, nach der richtigen Abfahrtsstelle des Busses auf Englisch fragte. Schließlich wandte er sich an einen sehr lieben englischen Tourbusfahrer, welcher gerade alle seine Teilnehmer von einer privaten Tour zu besonderen Wasserfällen und anderen Sehenswürdigkeiten an den Hafen zurückgebracht hatte. Er war in keiner Weise für den Betrieb des kostenlosen Shuttlebusses zur Forest Lagoon zuständig, erkannte aber nach einigem Hin und Her unsere Notlage und meinte, dass sein Chef davon nichts wissen dürfe. Aber wir sollten einfach einsteigen und er würde uns rasch die etwa 10 Minuten zum gegenüberliegenden Thermalbad fahren.

Ausgesprochen dankbar nahmen wir in dem Minibus Platz, als sich plötzlich ein sehr unverschämtes Ehepaar, das offenbar auch von unserem Schiff kam, in den Bus drängte.Obwohl ich ihnen sagte, dass es sich bei diesem Bus nicht um den öffentlichen Busshuttle handelte, blieben sie stumm in dem Bus sitzen und ließen sich höchst schmarotzherhaft zum gewünschten Zielpunkt kutschieren. Dort angekommen hinterließen sie weder dem Busfahrer ein einziges Wort der Dankbarkeit noch beteiligten sie sich auch nur mit einem Cent an dem von mir üppig ausgewählten Dankesbeförderungsgeld, sondern verdrückten sich äußerst unsympathisch erst mal an einem Imbissstand,um ja nicht irgendwie finanziell belangt werden zu können.

Offenbar hatten sie für den Rückweg die Möglichkeit zu Fuß ins Auge gefasst, was für mich natürlich in keiner Weise möglich gewesen wäre. Als wir auf dem Schiff zehn Minuten vor dem geplanten Ablegen aus den Lautsprechern erfahren hatten, dass noch zwei Passagiere von einer Kabine auf dem zehnten Deck fehlen würden, fiel es mir schwer, nicht vor lauter Ärger über dieses so unverschämte Verhalten zu hoffen, dass es sich dabei um just diese beiden handelte, die sich auf ihrem Rückweg dann doch zeitlich verschätzt gehabt hätten. Wir werden es nie erfahren, war ich doch genug mit unseren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Vollkommen erschöpft von den Islandtagen, welche allesamt komplett durch die überaus großen Diabetessorgen überschattet waren, ordnete ich das mich plötzlich ereilende Unwohlsein der großen allgemeinen Erschöpfung und den Dauersorgen zu.

Dennoch dachte ich dankbar an unseren Besuch in der Forest Lagoon zurück, in der ich nicht nur einer Mitreisenden einen großen Gefallen tun konnte, indem ich sie in allen möglichen Posen von vorne und hinten fotografierte, wovon sie völlig begeistert war und liebenswürdigerweise meinte, dass ich neben meiner Lehrerinnentätigkeit doch noch problemlos das Amt des Fotografen bekleiden könnte, sondern an der auch die Söhne, gerade der wasserliebende Ältere großen Gefallen fand. Dabei besticht die Anlage durch ihre einzigartige Lage inmitten eines dichten Waldes, eine absolute Seltenheit für Island, wo man doch üblicherweise karge Lavafelder, Moore und baumlose Landschaften vor Augen geführt bekommt.

So bilden die umliegenden Birken und Kiefern zudem einen für Island sehr seltenen Wind- und Wetterschutz. Vom Infintiypool aus genießt man eine grandiose Aussicht über einen der längsten Fjorde von ganz Island und gleichzeitig auf die gegenüberliegende Stadt Akureyri sowie auf unser dort liegendes Kreuzfahrtschiff. Sehr viel Zeit blieb uns leider nicht, und als ich endlich die beiden Söhne an allen Katheter- und Sensorstellen verklebt und abgestöpselt sowie zu einem ruhigen und angemessenen Verhalten ermahnt hatte, frönten wir einem echt isländischen Vergnügen, dem sich die Einheimischen zu jeder Tages- und Jahreszeit hingeben. Die sogenannten Hotpots, Freibäder oder aber auch diese luxuriöse Thermalbadversion sorgen für einen regelmäßigen kommunikativen Austausch der Bevölkerung, bevorzugt auch nach der Arbeit. Dabei gibt es einige typische isländische Gepflogenheiten zu beachten, welche den meisten Touristen erst einmal fremd erschienen.

So ist jede/r Badende/r vor dem Eintauchen in das heiße Wasser verpflichtet, sich ohne Badebekleidung, dafür mit bereitgestelltem Duschgel, gründlich einzuseifen und abzuwaschen. In einem der Becken befindet sich sogar ein kleiner Trinkbrunnen und man hätte auch eine Sauna, mit Badekleidung, benützen können, was wir aus Zeitgründen nicht machten. Hatte sich doch trotz aller Abklebversuche ärgerlicherweise der Katheter des Jüngeren im warmen Wasser abgelöst, mussten wir noch früher als vorgesehen zum erneuten Stechen das Wasser verlassen.

Zudem schätzten die Söhne das außergewöhnliche Wassererlebnis deutlich weniger als wie ihr hoher Testosteronspiegel sie unausweichlich zu ständigem Kräftemessen und Gerangel trieb. Die Wehklagen der beiden Streithähne waren zu meinem großen Ärger durch die gesamten Becken zu vernehmen und rote Striemen auf ihren Rücken zeugten eindrücklich von ihren ständigen, offenbar unvermeidlichen brüderlichen Rangeleien und Rivalitäten. Unsere Söhne zeichnet übrigens eine Kombination von großem Urvertrauen in die gesamte Menschheit sowie eine enorme Faulheit und Unordentlichkeit aus, so dass ich beim Verlassen der Damenumkleideräume nur kurz stutzte, als mitten im Weg ein mir sehr vertrauter Rucksack mit dem Emblem ihres Fußballvereins stand, den sie dort offenbar eine Stunde zuvor einfach abgestellt hatten, obwohl ich sie mehrmals noch extra gefragt hatte, ob sie auch all ihre Sachen in die Umkleideschränke der Männergarderobe gesperrt hätten…

In der darauffolgenden Nacht wären die Chancen auf die Sichtung von meinen seit Jahrzehnten so sehr ersehnten Nordlichter recht hoch gestanden. Ärgerlicherweise hatte es offenbar in unserer ersten Over-Night-Übernachtung tatsächlich in den frühen Morgenstunden die Polarlichter über Reykjavik zu bewundern gegeben. Nur leider war ich in dieser Nacht dermaßen mit allen möglichen Blutzuckerkatastrophen beschäftigt, dass ich noch nicht einmal auf die Idee nach einem Blick gen Himmel gekommen bin.

Und auch in der Nacht, in der wir den Hafen von Akureyri verließen, behob ich bei dem einen ständige Unterzucker in der Nacht, während ich bei dem anderen die Folgen eines viel zu hohen Blutzuckerspiegels in Form eines schwungvollen Übergebens im gesamten Badezimmer bestmöglich zu beseitigen versuchte und zu später Stunde aufgrund dessen nicht auf das Erscheinen von Nordlichtern, sondern auf das Eintreffen des Cabinstewards für eine kurze Baddesinfizierung sowie saubere Handtücher wartete. Dabei war ich etwas irritiert, als ich der Rezeptionistin kurz nach Mitternacht von der Notwenigkeit eines raschen Badputzes berichten wollte und diese über mein Eintreffen an ihrem Arbeitsplatz zur nächtlichen Stunde dermaßen erschrocken aufsprang, dass ich mich schon etwas wunderte. Wird sie doch schließlich sogar für ihre nächtlichen Arbeitsstunden ganz normal bezahlt, während ich noch für alle Zusatzarbeiten und -probleme extra Geld investiere statt eine Art Schmerzensgeld zu erhalten….




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