Und der Wind steht still von Astrid Lehmann aus dem Gmeiner-Verlag

Auf den ersten Blick weisen der Schwarzwald und die Bretagne herzlich wenig Gemeinsamkeiten auf, unterschieden sich diese doch nicht nur in der Sprache, sondern ebenso in den geographischen, historischen und auch kulturellen Gegebenheiten. Doch gibt es im Leben der achtzigjährigen Alice, welche an der bretonischen Küste lebt, eine enge und schmerzhafte Verbindung zum Leben im Schwarzwald zur (Nach)Kriegszeit. Der Autorin Astrid Lehmann ist mit diesem ganz aktuell im Gmeiner-Verlag erschienenen Roman ein beeindruckendes Werk gelungen, das sich intensiv mit den dunklen Kapiteln aus der deutsch-französischen Nachkriegszeit beschäftigt. Dabei hat Astrid Lehmann, die auch als Waldpädagogin arbeitet, nicht nur sowohl als Kind und Jugendliche eine Zeit lang in Frankreich und im Schwarzwald gelebt, sondern auch viele Jahre auf drei Kontinenten in großen Metropolen.

In dem Buch taucht man sowohl in die entbehrungs- und schreckensreichen Jahre während des Krieges und danach in Deutschland und insbesondere in der Gegend vom Schwarzwald ein als auch immer wieder in die aktuelle Zeit in der heutigen Bretagne, in der die mittlerweile betagte Alice lebt. Leidet man mit der jungen Elsa mit, welche nach einer kurzen Kennenlernphase bereits ihren Heinrich heiratet, bevor dieser wieder an die Front muss und die junge Frau unter seiner Schwester, ihrer Schwägerin Cornelia, zu leiden hat, fragt sich die Leserschaft gespannt, in welchem Zusammenhang die junge Elsa im Schwarzwald im Nachkriegsdeutschland und die 80-jährige Alice in der Bretagne stehen, die mit zunehmendem Altern von immer mehr Alpträumen in der Nacht geplagt wird.

In dem Werk liest man ebenso von dem verstörendem Kriegsgeschehen als auch von den sehr problematischen zwischenmenschlichen Beziehungen. Zudem bietet es einen spannenden Wechsel von Erzählungen aus der (Nach)Kriegszeit und dem aktuellen Zeitgeschehen, zwischen dem die Leserschaft im Laufe des Buchs immer mehr Verbindungen erahnen kann.  Man leidet mit der in all ihren Charakterzügen fein gezeichneten Elsa im Nachkriegsdeutschland ebenso sehr wie mit Alice mit. Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten und lässt einen tief in die traumatischen Erfahrungen eintauchen, als Kinder in der Nachkriegszeit von deutschen Müttern, welche mit französischen Soldaten intim geworden waren, als sogenannte „Staatskinder“ teilweise unter erheblichen Druck den frisch gebackenen Müttern entrissen wurden. In dem Buch werden herzzerreißende Szenen beschrieben, welche die Leserschaft mit Sicherheit noch lange nach der Lektüre aufgrund der eindrücklichen Beschreibungen beschäftigen werden. Insgesamt ist diese Neuerscheinung ein sehr berührendes und ergreifendes Werk, das einmal mehr darstellt, dass sich oft die Sachverhalte ganz anders darstellen, als wie man es ursprünglich vermutet hätte.

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