
Bereits am zweiten Seetag der Reise nahm das Drama eine weitere katastrophale Wendung. Auf diese Weise hatte ich die ersten Nächte bereits kaum ein Auge zugetan, da gerade der Ältere die Freiheiten eines jederzeit verfügbaren, selbstverständlich alkoholfreien Cocktails, auch weit nach 20.00 Uhr, trotz meiner Verbote auskosten wollte. So stiegen die Blutzuckerwerte stets bis gegen 1.00 Uhr nachts steil an, um dann viel zu rasch, viel zu tief zu fallen, so dass ich die erste Nachthälfte aufgrund der Pumpenalarme wegen des Überzuckers, die zweite Nachthälfte aufgrund der Pumpenalarme wegen Unterzuckers und der damit verbundenen nötigen Traubenzuckergaben nie auch nur in einen annähernd erholsamen Schlaf fallen konnte. Als die Pumpe in dieser Nacht einen Daueralarm wegen trotz ständig zugeschossenem Insulins aufgrund eines Überzuckers gab, war ich bereits ausgesprochen alarmiert und machte mir große Sorgen, dass der neu gestochene Teflonkatheter irgendwie abgeknickt sein könnte.

Leider hielt sich unser Sohn am nächsten Morgen nicht an meine Essensvorschriften und genehmigte sich stattdessen in einem von mir unbeobachteten Moment einen weiteren Kirschbananensaft, eine absolute Katastrophe bei Werten weit über 400. Und noch wesentlich schlimmer: da ich überhaupt nicht mehr nachvollziehen konnte, was er nun alles für wieviel Insulingaben gegessen hatte, musste ich bangen und dauerrasenden Herzens davon ausgehen, dass die Blutzuckerwerte aufgrund des völlig unvernünftigen Essens nicht sanken. Schließlich kamen wir am Hafen von Reykjavik an und waren das allererste Mal überhaupt auf Island. Doch anstatt auch nur annähernd dieses absolut faszinierende Land bestaunen zu können, war ich nur in absoluter Dauersorge um unseren Sohn, der eindeutig in eine lebensgefährliche Ketoazidose hineinrutschte. Anstatt von Bord zu gehen, stach ich erneut das gesamte Infusionsset für die Insulinpumpe , voller Angst um unseren Sohn und immer wieder ploppten die Erinnerung an die Zeitungsnachrichten vor einigen Jahren vor meinem geistigen Auge auf, als eine dreizehnjährige Typ1-Diabetikerin in Folge einer Ketoazidose während einer Klassenfahrt gestorben ist.

Das Wasser des tiefblauen, ja fast schwarzen Nordatlantiks, das in der Nacht zuvor durch starke Winde auf der Fahrt nach Island für einen kräftigen Wellengang gesorgt hatte, lag nun ganz ruhig da. Die Sonne spiegelte sich in der faszinierend glatten Wasseroberfläche. Ein Bild des Friedens, der Stille und der Ruhe, welches völlig konträr zu meinem physischen und psychischen ausgesprochen aufgewühlten Zustands stand. Überschattete nicht nur die Sorge, dass eine oder mehrere der Titanschrauben trotz maximaler Fußschonung und Nicht-Belastung (was deutlich besser auf Reisen als im unerbittlichen täglichen Haushalt gelingt) höchst schmerzhaft jederzeit herausbrechen könnten, sorgte zudem noch das allgemeine Blutzuckermanagment für viel Stress tagsüber aufgrund der deutlich anderen Essgewohnheiten der Zwillinge sowie spätabendlicher Aktivitäten und einer großen Unvernunft gerade auf Seiten unseres Älteren, welcher z.B. selten auch noch zur späten Stunde widerstehen kann und sich wie alle stoffwechselgesunden Freunde dann unbedingt noch einen Fruchtsaftcocktail gönnen musste.

Während ich in den Tagen zuvor eher ab 1.00 Uhr nachts mit ständigen Unterzuckern aufgrund zu hoher spätabendlicher Insulinabgaben zu kämpfen hatte, zeigte in dieser Nacht nun der Trendpfeil der Werte auf der Insulinpumpe bei über 200 steil nach oben. Ich hatte mich noch bis weit nach Mitternacht mit einem fußschonenenden Programm für Reykjavik nervenaufreibend beschäftigt, als die Sorge vor scheiternden Unternehmungsplänen am nächsten Tag der immer größer werdenden Furcht vor unerklärlich hoch steigenden Blutzuckerwerten verdrängt wurde. Da die Söhne um Mitternacht eingeschlafen waren, konnte der Ältere mir meine Vermutung, dass er noch zu später Stunde verbotenerweise etwas gegessen hätte weder bestätigen noch widerlegen, so dass ich zunächst einmal deutlich mehr Insulin nachgab.

Die nächsten nächtlichen Stunden schlug ich mir mit ständigen Blutzuckerkontrollen, Blutigmessen und dem fieberhaften Ergründen des so steilen Anstiegs um die Ohren. Als der Wert trotz all meiner Bemühungen gegen 4.00 Uhr nachts auf über 400 gestiegen war und ich just vor unserem allerersten Aufenthalt in dem so weit von uns entfernten Island noch kein Auge zugetan hatte, tauchte ich unsere Kabine wieder in Festbeleuchtung, um mich auf das Stechen eines neuen Katheters zu konzentrieren. Von außen betrachtet war der alte, den ich planmäßig am Abend gestochen hatte, völlig intakt. Erst nach dem Herausziehen desselbigen sollte sich herausstellen, dass die Teflonnadel – was immer mal passieren kann – abgeknickt war. Und so blieb mir auch in der zweiten Nachthälfte der Schlaf größtenteils verwehrt, galt es doch, eine drohende Ketoazidose zu verhindern und die Blutzuckerwerte zuverlässig, aber auch nicht zu rasant zu senken.

Dies gestaltete sich alles andere als einfach, sorgen doch die exorbitant hohen Werte stets für eine deutlich geringere Insulinsensitivität. Während sich gefühlt alle Passagiere im Schlaf die Kraft für den nächsten Tag holten, zermarterte ich mir den Kopf, wie ich am besten die Blutzuckerwerte des Älteren in einen akzeptablen Bereich bringen könnte. Der einzige Vorteil an dieser für mich so kräfte- und schlafzehrenden Situation war, dass ich den Sonnenaufgang auf hoher See live erlebte und Teile des südlichen Islands in rötliches Morgenlicht getaucht fotografieren konnte, noch bevor wir einige Stunden später in nur etwa drei Seemeilen Entfernung auf der Steuerbordseite am Vormittag die Halbinsel Reykjanes erblickten.

Schließlich mussten wir das Schiff verlassen, hatten wir doch noch eine Fahrt zur Reykjanes-Halbinsel geplant, wo es die letzten Jahre immer wieder Vulkanausbrüche gab. Mit sehr viel Wasser (bei einer Ketoazidose extrem wichtig und einer zusätzlichen Insulinampulle im Gepäck) verließen wir das Schiff, meine Nerven waren bis zum Zerplatzen angespannt. Ich erkundigte mich ständig nach dem Befinden unseres Sohnes und war überzeugt, dass er sich aufgrund der Übersäuerung des Blutes unweigerlich bald übergeben musste, so dass ich hektisch noch nach einer Spucktüte in meinem Rucksack suchte.

Die gesamten Islandtage waren extrem von enormen gesundheitlichen Sorgen um die Zwillinge geprägt. Nur sehr am Rande, wie durch einen Schleier, nahm ich Islands Naturschönheiten war. Auf dem Weg zum Kleifarvatn, einem tiefen, mystischen See, der von schwarzem Lavasand und Vulkanbergen umgeben war, fühlten wir uns wie auf einer Mondlandschaft. In der Mitte gab es eine asphaltierte Straße, links und rechts waren lauter erkaltete Gesteine zu sehen, welche die letzten Vulkanausbrüche ausgespuckt hatten. Im Gegensatz zu mir konnte immerhin unser Jüngster die gesamte lebensgefährliche Situation, von der ich nur hoffen konnte, dass es mir erfolgreich gelungen war, sie zu beheben, ausblenden und blieb ergriffen am See stehen, der zu dieser Zeit auch gerade einem Filmteam zu spektakulären Aufnahmen diente.

„Mama, das ist echt ein Meilenstein!“ stieß er angesichts dieser äußerst surreal wirkenden Landschaft ergriffen aus. Wie gerne hätte ich dies auch so empfunden, ich war allerdings fast ausschließlich mit unserem kranken, sich immer wieder übergebenden Patienten beschäftigt. Mein Herz raste, mein Adrenalin stieg ins Unermessliche, als plötzlich unser Jüngere sich noch nach meinem Geschmack viel zu nah am Kraterseerand befand und ich fürchtete, dass er gleich herabstürzte. Nachdem diese Gefahr schließlich auch gebannt war, bewunderten wir staunend, wie die Stimmung des gesamten Sees und der umliegenden Landschaft komplett, je nach Lichtverhältnissen, wechselte.

So wirkte der See auf der sonnigen Seite fast schon zum Baden einladend, während er auf der anderen Seite so schattig und düster erschien, dass ich niemals ein Bad auch nur bis zum Oberkörper darin gewagt hätte. Und man konnte sich ausgesprochen gut vorstellen, dass jede Sekunde das laut der isländischen Sage in diesem See hausende, walgroße Ungeheuer auftauchen würde.

Unser nächstes Ziel war bereits von weitem zu riechen. Eines der wenigen Geothermalgebiete, das direkt neben einem Parkplatz, also hervorragend behindertengerecht gelegen ist. Seltún bietet viele kochende Schlammtöpfe und bunt gefärbte Schwefelquellen. Überall dampfte und zischte es und man konnte sich hervorragend vorstellen, dass die Isländer so viel Wärme zur Verfügung haben, dass sie des Winters nie einen Schneeräumdienst benötigen, da sie alle wichtige Straßen mit der im Überfluss vorhandenen Erdwärme beheizen, für uns absolut unvorstellbar. Zudem erklärte sich auch der Name von Reykjavik, der „rauchende Bucht“ bedeutet und dieser Stadt von den ersten Siedlern Islands im 10. Jahrhundert nach Christus verliehen wurde, auf den allerersten Blick.

Nach diesen beiden absoluten Höhepunkten und dem Stop an einem weiteren kleinen Vulkansee wollten wir uns die Brücke zwischen den Kontinenten nicht entgehen lassen. Diese lohnte allerdings unserer Meinung nach nicht den relativ weiten Anfahrtsweg, ist es doch eher ein Gag, wenn man sagen kann, dass man dank der Brücke eine tiefe Spalte in wenigen Schritten überwindet und auf diese Weise zu Fuß von Europa nach Nordamerika wechselt. Ich war in so unfassbar großer Sorge um unseren Älteren, maß ständig blutig nach, um genau kontrollieren zu können, ob die Blutzuckerwerte endlich, endlich sanken und verzichtete auf eine Fahrt im abendlichen Reykjavik. Wir machten einzig noch einen winzigen Stop an einer sehr beliebten Wikingerskulptur, der Sólfar, die ganz besonders schön beim Sonnenuntergang glänzt.

Die ganze Zeit war ich außer mir vor Sorge und vollkommen ratlos, sank der Blutzucker doch trotz zahlreichen stündlichen, verzweifelten Insulingaben nicht und ereilte mich zum ersten Mal überhaupt auf Reisen das absolut beängstigende Gefühl, dass uns das so lebenswichtige Insulin ausgehen könnte. Mich überfiel eine ungeheuer große Rat- und Ruhelosigkeit. Obwohl von außen der Teflonkatheter vollkommen intakt aussah, stach ich abermals erneut. An Schlaf war nicht zu denken, ich kontrollierte stündlich die Blutzuckerwerte, schoss permanent Insulin hinterher, bis endlich, endlich der Blutzucker nach unten ging. Es sollte aber noch einige Zeit dauern, bis es dem Älteren wieder ganz gut ging.

Dennoch sollte wenigstens ein Teil, vollkommen behinderten- und krankengerecht, des Golden Circle erkundet werden. Und so führte uns der Weg am nächsten Tag als erstes zum Kerio-Vulkankrater. Der Parkplatz lag direkt an der Kraterkante in rotem Vulkangestein und wir wurden von einem tiefblauen Kratersee empfangen. Der Wind blies heftig und das Gefühl der Unwirklichkeit befiel uns aufs erneute.

Als nächstes kamen wir zu einem von Islands Rekordwasserfällen, dem Gullfoss-Wasserfall. Die enormen Wassermassen ergossen sich gewaltig in ihrer gesamten Breite über zwei Stufen hinweg, bevor sie in eine tiefe Schlucht stürzen. Allerdings konnte ich das gesamte Spektakel nur sehr halbherzig genießen, war ich doch immer noch höchst besorgt um die Gesundheit unseres Älteren. Dennoch faszinierte uns die einzigartige Landschaft, welche uns sogar in der Ferne mit schneebedeckten Gipfeln beglückte.

Relativ in der Nähe des gigantischen Wasserfalls ist ein anderer Rekordhalter zu finden, der Strokkur. Dieser Geysir weist eine wesentlich größere Zuverlässigkeit als die Deutsche Bahn auf und brilliert etwa alle 10 Minuten durch zuverlässige Ausbrüche. So erhebt sich immer wieder auf’s Neue eine mehrere Meter hohe, kochende Wassersäule, welche von vielen „Ohs“ und „Ahs“ der Umstehenden begleitet wird, ehe sie wieder zusammenbricht und bereits die nächste Eruption vorbereitet wird. Die Zwillinge waren allerdings von dem Geysir deutlich weniger als von dem Wasserfall beeindruckt, so dass wir anschließend den letzten Stop des Tages in Form des Nationalparks Thingvellir ansteuerten.

Dieser strotzt nur so von Geschichte, ist es doch eine der ersten Orte der europäischen Demokratie. So spricht man tatsächlich bei dem Thingvellir-Nationalpark von der Wiege der Demokratie, wurde doch dort bereits im Jahre 930 n. Chr. das isländische Parlament gegründet, eines der ältesten noch bestehenden Parlamente der ganzen Welt.

Historisch hat er ebenso viel wie geologisch zu bieten, driften doch gut sichtbar die nordamerikanische und die eurasische Kontinentalplatte auseinander. Und so rangiert dieser Nationalpark als das einziges UNESCO-Welterbe auf dem isländischen Festland. Vom Parkplatz aus standen wir unverzüglich an der Kante der Almannagjá-Schlucht und blickten direkt auf die auseinanderdriftenden Erdplatten. Wie gerne wäre ich ein paar Schritte in die Schlucht hineingegangen, aber auch sitzend bekamen wir eine sehr gute Vorstellung von diesem so einzigartigen Gebiet.

Das Aufnahmevermögen der Söhne war indes relativ erschöpft und ihre Energien entluden sich eher negativ in einem Dauergestreite- und geschubse, so dass wir den Weg zum Schiff zurück unverzüglich antraten. Und auf dem Weg dorthin besserten sich glücklicherweise zuverlässig die Werte des Älteren, während plötzlich die Blutzuckerwerte des Jüngeren völlig unerwartet hochschossen.

Mein Herz raste und das ganze Drama wiederholte sich einzig in einer etwas geringeren zeitlichen Spanne beim Jüngeren, so dass auch in dieser Nacht die Ruhelosigkeit für mich ausgesprochen groß war. So reduzierten wir am nächsten Tag deutlichst unser Besichtigungsvorhaben, warfen nur noch einen kurzen Blick auf die berühmte Rainbowstreet, die so emblematische Kirche von Rekjavik, der Hallgrimskirche, sowie das bereits von außen faszinierende Konzerthaus, die Harpa.

Vor diesem funkelnden Konzert- und Konferenzzentrum ist eine Skulptur eines ganz besonderen Musikers zu sehen, dessen möglichem Gefühlszustand ich mich ausgesprochen verbunden fühlte. Mitten in Island fühlte ich mich völlig der Diabetestechnik und der permanent abknickenden Teflonkather vollkommen hilflos ausgeliefert, ebenso wie dieser Cellospieler, der zwar ein Instrument, vergleichbar mit dem eigenen Leben, besitzt, aber in keiner Weise einen Bogen, um der Melodie seines Lebens den gewünschten Rhythmus, die Richtung oder auch eine bestimmte Melodie zu verleihen.




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