
Wir saßen bereits eine Zeit lang im ICE und warteten auf die Abfahrt desselbigen nach Hamburg, mit der belastenden Anzahl von fünf Koffern. Davon hatten zwei fast ausschließlich das gesamte doppelte Diabetesequipment, glutenfreie Lebensmittel und allerlei Hilfsmittel für meinen kaputten Fuß zum Inhalt. Schließlich erfuhren wir aus dem Lautsprecher, dass sich die Abfahrt noch etwas verzögern würde, fehlte doch noch die Hauptperson: der Lokführer. So mussten wir uns noch ein wenig gedulden, bis die Fahrt losging. Währenddessen bedachte ich ein junges Pärchen zum wiederholten Mal mit überschwänglichen Dankesworten, hatten sie doch sofort, als sie mich mit Gehgipsersatzschuh, zwei Krücken und einem großen Koffer sowie den Zwillingen mit ebenfalls je zwei Koffern, erblickt hatten, von sich aus Hilfe angeboten.

So misslich meine gesundheitliche Lage und die Verzweiflung darüber ist, so ging das Kofferverstauen dank des tatkräftigen Mannes so schnell und problemlos wie noch nie. Und ich, die ich mich so ausgesprochen schwer damit tue, jemanden anderen um etwas zu bitten, musste nicht einmal den Mund öffnen, da war schon stets jemand Hilfsbereiter vor jeder unüberwindbaren Treppenpassage oder anderen Hindernissen zugegen. Tatsächlich sollte bei weitem nicht alles so reibungslos während dieser Reise ablaufen und vorab sei schon verraten, dass sich das so ersehnte Urlaubsgefühl leider kein einziges Mal auch nur ansatzweise einstellen wollte.

Zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, nämlich just in den letzten Stunden, in denen ich vor Antritt der Schiffsfahrt noch Handyempfang hatte, überbrachte mir die mich behandelnde Orthopädin die mich völlig erschütternde Nachricht, da sie zusammen mit dem Professor und einigen weiteren Kollegen noch einmal höchst ausführlich alle CT-Bilder des vergangenen Jahres intensiv betrachtet und diskutiert hatten und zum Entschluss gekommen waren, dass anders, als wie es mir noch in der ersten Sommerferienwoche gesagt wurde, es nicht reichen würde, die sich bereits gelockerten Titanschrauben zu entfernen und neues Material einzusetzen, sondern, dass eine aufwändigere Beckenkammentnahme nötig sei, die jedoch erst länger nach den Sommerferien durchgeführt werden könne, da der Professor nun im Urlaub sei.

Lasteten schon zuvor zentnerschwere Sorgen auf mir, fühlte ich mich nun genauso wie das an uns vorbeiziehende vollbeladene Containerschiff, das jederzeit bei einer Überfrachtung der Last, und genauso fühlte ich mich nach dem Überbringen dieser Hiobsbotschaft, unterzugehen droht. Dabei symbolisiert jeder einzelne Container für mich die während so vieler Tage, Wochen, Monate, Jahren und Jahrzehnten ertragenen Schmerzen, Sorgen und Stressoren. Der Schwermut als viertes Wort für diese Alliteration soll auch nicht unerwähnt bleiben.

Aus dem überhitzten und schwülen Hamburg kommend waren unsere Söhne äußerst überrascht, dass sie gleich am ersten Hafen von einem starken Wind, grauen Himmel und Nieselregen sowie einem Temperaturgefälle von über 15 Grad empfangen wurden. „Diese Schuhe ziehe ich nicht an. Die gehören mir überhaupt nicht. Und außerdem sind sie viel zu eng.“ greinte bereits am frühen Morgen der Ältere. Mein Adrenalinspiegel stieg, war ich doch eigentlich beschäftigt genug, meinen Gehgipsersatzschuh regenfest zu präparieren und alles für die Zwillinge für den Tagesausflug herzurichten. Zudem hatte ich extra zu Hause die Zwillinge jeweils geeignete feste Schuhe für das Kofferpacken abwinken lassen. Das offensichtlich in keiner Weise erfolgte heimische Mitwirken musste ich nun dennoch auch mitbüßen. Und so konnte ich nur hoffen, dass die ziemlich ausgelatschten Stoffturnschuhe im Laufe des Tages nicht triefnaß werden würden.

Meine Fußschmerzen und die Immobilität würden dabei den Jungs zum Vorteil gereichen, da wir ja sowieso zu deren großer Freude – und meinem unsäglichen Kummer – so gut wie keine Wegstrecken per pedes zurücklegen konnten. Diese enorm eingeschränkte Bewegungsfreiheit hatte für mich im Vorfeld eine dreifach so aufwändige Reisevorbereitung wie üblich bedeutet. Bereits während der Planungen hatte ich mich gefreut, dass man von Kirkwall aus gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten gelangt. Die Öffis sind übrigens aufgrund der staatlichen Förderung konkurrenzlos preiswert. Wenn man zwischendurch nicht aussteigt, muss man z.B. für eine etwa einstündige Busfahrt von Kirkwall bis zu dem am besten erhaltenen Jungsteinzeitdorf von ganz Europas, Skara Brae, nur zwei Pfund pro Person zahlen.

Und so landeten wir in einem sehr überfüllten Bus, in dem ich glücklicherweise aber noch einen Platz für mich – Krücken sei Dank – und die Kinder gefunden hatte. Für einen minimalen Geldbetrag kamen wir auf diese Weise in den Genuss eine Panoramafahrt über einen Teil der Insel, für die andere Kreuzfahrgäste bei der Reederei selbst ein Vielfaches dafür zahlen. Die Orkneyinseln schienen von deutlich mehr Schafen und Kühen als von Schottinnen und Schotten besiedelt zu sein. In Ermangelung der O-Wörter und in Anlehnung daran, dass sich die Orkneyinseln sogar eines lateinischen Wappens rühmen (Boreas domus mare amicus) , haben es die für diese Region so typischen und attraktiven Schafe mit ihrer lateinischen Bezeichnung in die Überschrift geschafft.

Nach einer über einstündigen Busfahrt erreichten wir schließlich bei wolkenverhangenem Himmel eine der bedeutendsten UNESCO-Weltkulturerbestätten, das sogenannte Pompeji des Nordens. Skara Brae ist beeindruckenderweise die bestherhaltene Siedlung aus der Jungssteinzeit von ganz Europa. Nachdem unser Jüngster im dortigen Besucherzentrum nach den Toiletten gefragt hatte, wurde er sogleich für sein Englisch gelobt, was ihn sichtlich motivierte. Wie gerne wäre ich entlang der direkt an Skara Brae gelegenen Küste gelaufen, was mit Gehgipseratzschuh und Krücken natürlich in keiner Weise möglich war. Aber allein die Landschaft und die steil herabfallenden Felsen aus der Ferne zu bewundern, stellte eine optische Augenweide dar.

Und wir bekamen eine gute Vorstellung davon, wie kunstvoll hier bereits lange vor dem Bau der ägyptischen Pyramiden, der Errichtung der chinesischen Mauer oder auch von Stonehenge gebaut und viele Jahrhunderte gelebt wurde. Ein kurzer Besuch im Herrenhaus, dem sogenannten Skailhouse, aus dem 17. Jahrhundert, durfte selbstverständlich auch nicht fehlen. Das so typische schottische Schlossgefühl sprang allerdings nicht auf die Begeisterung der Söhne über, welche schnellstmöglich wieder weiterziehen wollten.

Nicht weit davon entfernt und mit dem Bus hervorragend erreichbar liegt der Ring of Brodgar, der mit einem Durchmesser von an die 100 Meter noch einmal deutlich größere Ausmaße als Stonehenge aufweist. Dieser UNESCO-Weltkulturerbestätte war unser Älterer nicht sonderlich gewogen und äußerte halb mürrisch, halb verwundert: „Und was ist daran so besonders?“ Nun, vielleicht erschließt es sich erst auf den zweiten Blick, wie beeindruckend und einzigartig dieser mystische Steinring mit immerhin 5000 Jahren aus der Jungsteinzeit ist. „Das ist ja noch langweiliger als was wir vorher gesehen haben.“, insistierte unser Älterer und es erschloss sich ihm auf keine Weise, warum diese Steine sogar zum Weltkulturerbe gezählt werden.

Ursprünglich werden bis zu 60 Monolithen den Ring of Brodgar gebildet haben. Dabei liegen alle erstaunlich flach im Boden. Zwei wurden ausgegraben, bei denen man überraschenderweise feststellte, dass sie nur 27 bzw. 18 cm tief in den Boden reichen. Dennoch schienen diese bis zu 4 Meter hohen Steine zumindest auf die Zwillinge keine sonderlich positiven Energieströme zu versprühen, hatten diese doch nichts besseres zu tun, als mich trotz der vorhandenen schottischen Weitläufigkeit aufgrund ihrer ununterbrochenen Schubsereien und Schlägereien in der nächsten Nähe zu mir und meinen Krücken ständig fast zu Fall zu bringen.

Da sollte ein Gebet in dem Wahrzeichen von Kirkwall, der St. Magnus Kathedrale, für möglichst viel Harmonie und im Rahmen der Möglichkeiten für Gesundheit sorgen. Auf den Orkneyinseln-Inseln gibt es Historisches aus den verschiedensten Zeiten zu bewundern und für die jüngere Generation wirken wohl auch diese old-fashioned Telefonzellen fast genauso steinzeitlich wie die zuvor besuchten Ausgrabungsstätten.

Auf allen Orkneyinseln wird übrigens aus der Milch der Schafe nicht nur ein ganz besonderes Eis hergestellt, sondern es gibt ebenso farbenprächtigen und alles andere als kalorienarmen Fudge aus Orkneyschafbutter, der in Handarbeit hergestellt ist, zu erwerben.

Hatten wir ab dem späten Mittag für die Wetterverhältnisse der Orkneyinseln phänomenales Wetter, hatte doch sogar der Regen aufgehört, gönnte uns leider der am Abend wieder einsetzende Regen keinen der auf diesen Inseln so ganz bezaubernd anzusehenden Sonnenuntergänge. Dafür überraschte uns die Kirkwall Pipeline-Band mit ihrem großen Engagement. Werden doch in vielen europäischen Häfen die Kreuzfahrer nicht sehr herzlich empfangen, stellte die Gemeinde von Kirkwall nicht nur kostenlose Hafenshuttles zur Verfügung und hatte extra Willkommens- und Verabschiedungsschildern geschrieben, sondern hatte zudem noch ein ganz besonderes Konzerthighlight angeboten. Und so spielte am Pooldeck unseres Schiffes eine ganz typische schottische Band mit Schlagzeugen und vielen traditionell gekleideten Dudelsackspielerinnen und -Spielern im Schottenrock für eine halbe Stunde. Sie taten dies mit großer Begeisterung und völlig unentgeltlich, einzig gestärkt durch ein vorheriges Essen und Trinken auf dem Schiff und dem tosenden Applaus und der großen Dankbarkeit aller Kreuzfahrtgäste.




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