Vatertage von Anne Berest aus dem Berlin-Verlag

Ist für mich feiertagsmäßig erst einmal die Bezeichnung von Christi Himmelfahrt deutlich geläufiger als der viel beschworene „Vatertag, verhält es sich mit den „Vatertagen“ des ganz aktuell im Berlin-Verlag erschienenen Romans vollkommen anders. So hat die französische Spiegel-Bestsellerautorin Anne Berest, welche witzigerweise im selben Jahr wie ich geboren ist und sich bereits als Schauspielerin, Regisseurin und Autorin bei weitem nicht nur in Frankreich eine große Reputation aufgebaut hat, erneut einen großartigen und mitreißenden Roman verfasst, der von den beiden sehr erfahrenen Übersetzerinnen Michaela Meßner und Amelie Thoma in ein hervorragendes Deutsch übertragen wurde. Anders als geplant -wollte die Autorin doch ursprünglich der Geschichte ihrer bretonischen Familie im Allgemeinen ein großes Stück näherkommen – treibt diese die relativ plötzliche schwere Erkrankung ihres Vaters dazu, diesen, welcher für sie ein Leben lang einen großen Unbekannten darstellte, endlich, endlich von einer ganz anderen Seite kennenzulernen.  

Bereits das Titelbild stimmt die Leserschaft auf das Eintauchen in längst vergangene Zeit dank handschriftlicher Aufzeichnungen des Großvaters, welche alle fein säuberlich in vier Heften der Nachkommenschaft überliefert wurden, ein. Die zahlreich zitierten Originalpassagen sind ausgesprochen berührend und geben einen höchst informativen und gleichzeitig sehr emotionalen Einblick in das jeweils beschriebene Zeitgeschehen. Dabei ist dieser Roman eine wahre Fundgrube, bildet er doch eine große Bandbreite ab, welche sowohl die Themen der Familienkonstellation und der Vererbung abbildet als auch sehr mitreißend die Geschichte der Bretagne in den freizügigen 1968-er Jahren und auch einige Jahrzehnte davor darstellt. Gleichermaßen wird automatisch sehr viel französisches Flair vermittelt. Wer immer eine Reise in die Bretagne plant, ist für die Lektüre dieses etwa 450 Seiten umfassenden Werks ebenso prädestiniert wie alle Frankophilen oder etwa diejenigen, welche den besonderen, eingängigen und höchst vielschichtigen Erzählstil der französischen Autorin zu schätzen wissen.

Mir als Altphilologin sind selbstverständlich so kleine Details sehr sympathisch wie z.B. der Beruf des bretonischen Großvaters, welcher nicht nur Bürgermeister von Brest, sondern auch Lehrer für Französisch, Latein und Griechisch war. Der Roman umfasst eine enorme Zeitspanne, geprägt von historisch bedeutenden Ereignissen und beginnt noch vor dem ersten Weltkrieg im Jahr 1909. In dem Buch findet man eine kunstvolle Verwebung der einzelnen Erzählstränge- und -zeitebenen. So erfährt man gleichermaßen von der Gründung der ersten bäuerlichen Agrargenossenschaft als auch von den aktuellen Zeitgeschehnissen inklusive der sich unheilvoll manifestierenden schweren Erkrankung des Vaters. Bei der Lektüre wird man immer wieder von der Wortgewalt der so renommierten Anne Berest fasziniert sein. Das Werk ist in fünf Bücher aufgeteilt, welche insgesamt die Zeitspannen von 1909 -1979, dem Geburtsjahr der Autorin, umfassen. Dabei wird man wieder allein schon durch ausgefallene oder sehr treffsichere Überschriften der einzelnen Kapitel wie z.B. auf der Seite 233 „Die Hefe, die den Teigt auftreibt“ auf das jeweils neue Kapitel äußerst gelungen und abwechslungsreich eingestimmt. Dieser Roman ist sowohl ein brillantes Zeugnis ganz unterschiedlicher Zeiten in Frankreich und speziell der Bretagne als auch eine einzigartige Liebeserklärung der Autorin an ihren Vater.

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