Madame Lazare von Tadhg Mac Dhonnagáin aus dem Kröner-Verlag

Das Titelbild versetzt einen bereits an die Atlantikküste, wahlweise von Frankreich oder auch von Irland, an der ein mit zarten Pinselstrichen gezeichnetes Mädchen mit dem Gesicht zum Meer schauend abgebildet ist. Der Titel „Madame Lazare“ dagegen lässt einen Bezug auf ein frankophones Land erwarten und so ist man gespannt, wo einen dieser ganz aktuell im Kröner-Verlag erschienene Roman „Madame Lazare“ des irischen Autors Tadhg Mac Dhonnagáin hinführt. Dabei ist es bemerkenswert, dass das Buch im Jahr 2022 den Literaturpreis der Europäischen Union gewonnen hat und nun von der sehr erfahrenen Übersetzerin Elvira Veselinović vom Irischen ins Deutsche übersetzt wurde. Der Autor ist nicht nur Sänger und Fernsehmoderator, sondern er hat auch bereits zahlreiche Romane, Kinder- und Drehbücher verfasst. Schon der Einstieg in das Buch durch einen Rückblick auf eine Schlüsselszene im Jahr 1944 bei der Galway Bucht zieht einen unmittelbar in das Geschehen und lässt einen gespannt den Fortgang der Handlung verfolgen, die erst einmal im Jahr 2015 in Brüssel beginnt und von der Enkeltochter Levana erzählt wird, deren Großmutter Hana Lazare als Einzige in der gesamten Familie die Shoah überlebt hat.

Levana hat als Lehrerin einige Monate zuvor ihre Unterrichtstätigkeit in Brüssel aufgenommen, als sie von einem Pariser Krankenhaus den Anruf erhält, dass ihre mémé nach einem Sturz im Krankenhaus ist. Ein sehr eleganter und bestens lesbarer Schreibstil, dem immer wieder in Dialogen einige französische Satz(teil)stücke untergemischt sind, zieht sich durch das gesamte Werk. Der Autor schreibt ausgesprochen mitreißend, sehr detailliert an einigen Stellen, gekonnt verdichtet an anderen, so dass der Lesefluss nie auch nur annähernd gestört wird. Als die Großmutter im Pflegeheim zunehmend verwirrter wird und plötzlich immer mehr Wörter in einer der Enkelin und deren Lebensgefährten Armand völlig fremden Sprache murmelt, gibt dies dem jungen Paar große Rätsel auf. Handelt es sich dabei um das Estnische oder auch einen speziellen Dialekt davon? Intensive Nachforschungen sorgen dabei für eine große (bei weitem nicht nur) linguistische Überraschung und geben ein völlig anderes Herkunftsland für die von mémé gemurmelten so fremd klingenden Worte an. Die Kapitelüberschriften berichten jeweils, in welchem Jahr, mit welcher Person und an welchem Ort man sich gerade befindet und so wechselt man von dem vorletzten Kriegsjahr in Irland nach Brüssel im Jahr 2015 mit Levana, bevor man sich mit deren Großmutter genau 10 Jahre früher, also 1995, in Paris befindet. In den folgenden Kapiteln ändern sich mal die Zeit, mal der Ort oder es werden noch neue Protagonisten in die Romanhandlung eingeflochten, so dass man immer tiefer in die komplexe, so rätselhafte Geschichte eintauchen kann.

Dabei ist es höchst reizvoll, dass man stets die Perspektive völlig unterschiedlicher Charaktere einnehmen kann. Dem Autor gelingt es ausgesprochen geschickt, einzelne Episoden und Erzählungen, welche sich nach und nach zu einem großen Ganzen zusammensetzen, miteinander zu verweben, so dass die Handlung vorangetrieben wird, die Leserschaft jedoch gleichzeitig noch viel Freiraum für eigene kreative Forstsetzungsmöglichkeiten erhält. Immer wieder erfährt man in diesem Buch auch von interessanten Traditionen und Ritualen aus dem jüdischen Leben. Durch das Einstreuen von subtilen und weniger subtilen Andeutungen der einzelnen Charaktere bleibt ein großer Gesamtspannungsbogen erhalten, der sich durch das komplette Werk zieht, ohne auch nur ein einziges Mal in sich zusammenzufallen. Die Zeitsprünge reichen sogar bis in das Jahr 1937 an ganz fremde Orte mit bis dahin völlig unbekannten Personen zurück. Die vorgestellten Menschen wachsen einem so sehr ans Herz, dass man zutiefst berührt ist von den einzelnen Erlebnisschilderungen, welche der Autor höchst berührend, nie kitschig und immer wieder sehr ergreifend erzählt. In dem Plot gibt es oft überraschende Wendungen, so dass die Lektüre tatsächlich auf keiner einzigen der knapp 300 Seiten auch nur im Entferntesten langweilig wird.

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