
Bereits beim Betrachten des geheimnisvollen Titelbildes, auf dem man eher schemenhaft von hinten einen Mann mit einem roten Hut mit breiter Krempe sieht, ist man sehr neugierig auf den Inhalt dieses ganz aktuell im Schweizer Knapp-Verlag erschienen Romans mit dem Titel „Josef Lautenbachers Reise nach Flätz“ von Jürg Beeler. Dem einen oder anderen wird dieser etwas eigentümliche Name „Flätz“ wohl etwas sagen, ist er doch durch Jean Pauls Satire „Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz“ ein feststehender Begriff. Dieser Roman stellt allein schon haptisch eine große Freude durch die hochwertige Hardcoverausgabe sowie das schöne Lesebändchen dar. Dem gebürtigen und bereits vielfach preisgekrönten Zürcher Autor Jürg Beeler ist auch mit dieser Neuerscheinung ein ausgesprochen lesenswertes Buch geglückt, das nicht nur einen Lebensabschnitt zum Thema hat, der -so Gott will- jeder/m von uns früher oder später bevorsteht, dem Übertritt vom Berufs- ins Rentenleben-, sondern das höchst unterhaltsam, geistreich und in gestochen scharfsinnigen Sätzen die Wandlung des ehemaligen Buchhändlers Josef Lautenbacher von seiner Berufstätigkeit zur Entfaltung als Schriftsteller präsentiert.

Jede einzelne der über 100 Seiten stellt ein großes Lesevergnügen dar und der Roman brilliert mit solchen Ausdrücken wie z.B. „die hefeteiggeblähte Schnatterente“ oder auch „Luisianer“. Eine Besonderheit des Werks ist unter anderem die Tatsache, dass sich auf vielen Seiten keine große äußere Handlung ereignet, sondern man gebannt die Gedanken des frisch in den Ruhestand versetzten Protagonisten, ähnlich einem stream of consciousness wie bei dem berühmten James Joyce, verfolgt. Dabei gelingt es dem Autor meisterhaft auch die Beschreibung alltäglicher Situationen wie z.B. einen Besuch in einem italienischen Restaurant, einem größeren Einkauf von Lebensmitteln mit seiner Gattin zusammen oder auch eine Untersuchung beim Kardiologen als pointiert und herrlich geschriebene Erzählung die Leserschaft erleben zu lassen. Als Josef Lautenbacher nach Zürich flieht, um den geplanten Geburtstagsfeierlichkeiten und auch einem gefürchteten medizinischen Eingriff zu entkommen, werden der Leserschaft grandios beschriebene Impressionen der Stadt vermittelt. Dabei wird bei jeder/m, die/der schon einmal in Zürich war, der jeweilige erwähnte Ort sofort vor dem geistigen Auge erscheinen. Jedoch wird er bestimmt an diesem noch nie von solch besonderen Gedankenspielereien und Schlussfolgerungen begleitet worden sein, wie es in diesem höchst lesenswerten Buch der Fall ist. Wie der Roman endet, sei selbstverständlich nicht verraten, nur so viel: mindestens genauso grandios wie er begonnen hat.




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