Das elfte Gebot von Gabriel Bornstein aus dem Kröner-Verlag

Bereits der Titel dieses ganz aktuell im Kröner-Verlag erschienen Romans löst eine angenehme kognitive Dissonanz aus, sind doch landläufig nur die zehn Gebote bekannt. Und so möchte man diesen Roman dank eines sehr fesselnden und geistreich geschriebenen Einstig am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen. Bereits auf den ersten Seiten beweist der Autor eine enorme Schlagfertigkeit und die Fähigkeit, sowohl überraschende Wendungen als auch der Leserschaft Sachverhalte sehr nüchtern und dennoch auf eine ganz spezielle, unterhaltsame Weise der Leserschaft zu präsentieren. Der Einstieg wird durch eine Geschichte in der Geschichte vollzogen und lässt einen höchst gespannt in die Erzählung von David Dubnow eintauchen, den es als Sohn einer Holocaustüberlenden nach Riga verschlägt, da er dort ein ganz bestimmtes Buch seines einzigen Verwandten suchen möchte. Hierbei muss man sich immer wieder bewusstwerden, dass man sich nicht etwa im relativ weltoffenen Riga des 21. Jahrhunderts befindet, sondern die Erzählung in der Sowjetunion zu Zeiten des Kalten Krieges spielt.

Gabriel Bornstein verbrachte seine frühe Kindheit in Jerusalem und studierte an einer Universität in Isreal. Anschließend studierte er noch Film an der Kunsthochschule in Hamburg. Dazu passend wurde sein erster Roman auch sofort im Jahre 2013 verfilmt und dieser neue Roman bietet ebenso ein absolutes Potential für eine grandiose Verfilmung, ist er doch sehr spannend, witzig und zugleich äußerst tiefgründig und ironisch geschrieben. Die zunächst im Lesefluss etwas verstörend wirkenden vulgären Ausdrücke wie „ficken, vögeln oder auch Schwanz“ fügen sich jedoch höchst stimmig in die Gesamtkonzeption dieses überaus lesenswerten Werks ein. Und den fesselnden Bericht von David Dubnow zu lesen, der in den 1970er-Jahren spielt, bereichert einen ausgesprochen und lässt einen tief eintauchen in ein so völlig fremdes politisches und gesellschaftliches Land als wie es den meisten von uns bekannt von den heutigen Baltikumsländern bekannt ist. Selbstverständlich darf in dem Roman eine Liebesgeschichte auch nicht fehlen, welche sich dem Roman entsprechend alles andere als stromlinienförmig entwickelt. Bei der Lektüre wird die Mundwinkel der Leserschaft oft ein Schmunzeln umspielen, wenn man z.B. auf der Seite 51 liest: „Was muss ich tun, um Brötchen von heute zu bekommen?“ fragte ich. „Dafür musst du morgen kommen.“ sagte Michoels. Dank der vielschichtigen Romanhandlung lernt man vieles über das jüdische Leben seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts in Riga, womit sich wohl die meisten davor kaum beschäftigt haben werden. Dem Autor gelingt es exzellent, viele historische Fakten aus der jüdischen Geschichte der unterschiedlichsten Jahrhunderte sowie die große Einsamkeit und die permanente Furcht in einem autoritären System mit einer packenden Geschichte rund um den jungen jüdischen David Dubnow zu verbinden.

So beklemmend und beängstigend viele der geschilderten Situationen auch sind, so schafft es Gabriel Bornstein auch immer wieder eine feine Ironie und Amüsantes in die Erzählung einzubauen, so dass man zwangsläufig häufig befreit auflachen muss. Und so schwer man sich, wenn man ausschließlich als freier Mensch bis jetzt in einer Demokratie gelebt hat, das Dasein in einem totalitären System vorstellen kann, wie es damals in Riga der Fall war, so lebhaft kann man sich dank der grandiosen Erzählweise in diesem Roman hineinfühlen. Und oft sorgt die Lektüre auch für Gänsehautmomente, wenn man z.B. auf der Seite 90 liest, dass es vor dem zweiten Weltkrieg mehr als 40000 Juden in Riga gab, von denen nur 150 überlebt haben. Insgesamt ist dies ein zutiefst berührendes Buch, in dem man ausgesprochen viel über Israelis in öffentlichen genauso wie in ganz privaten Bereichen erfährt, was man wohl bis jetzt noch nicht wusste. In der zweiten Hälfte des Buches erfährt man übrigens auch, warum dieses Werk einen Titel mit der für die Juden sehr ungewöhnlichen Zahl 11 erhalten hat. Der Autor beherrscht auf jeder einzelnen Seite die große Kunst in unprätentiösen Sätzen ein höchst anschauliches und unvorstellbares Leid der Juden bei jeder/m Einzelnen vor dem geistigen Auge entstehen zu lassen.

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