
Es ist unvorstellbar, welch unterschiedlichen Phänomene mich Nacht für Nacht vom Schlaf abgehalten haben. Exemplarisch sollen nur folgende zwei näher beschrieben werden. Bereits in der ersten Nacht nach der Operation drang durch die Klinikfenster die komplette Nacht hindurch ein ungeheurer Lärm, den ich nicht so recht, auch aufgrund meiner relativen Bewegungsunfähigkeit,lokalisieren konnte. Auf meine nächtliche Nachfrage hin antworteten mir zwei Krankenschwestern unabhängig voneinander, dass ihnen das auch schon aufgefallen sei, aber sie könnten das Geräusch ebenso wenig eindeutig zuordnen. Es hörte sich wie eine völlig überdimensionierte große Dunstabzugsanlage für ein 1 Hektar großes Badezimmer an, welche nie mit ihrer Arbeit fertig wird. Als der Krankenpfleger schließlich auf meine erneute Nachfrage ziemlich genervt reagierte, abwinkte und sichtlich nicht darüber sprechen wollte, als wenn darüber ein Fluch läge, malte ich mir in den kommenden Nächten die skurrilsten Gründe für diesem mysteriösen Lärm aus. Ich überlegte, ob an diesem Ort vielleicht Leichen verbrannt werden würden oder irgendwelche Chemikalien – es stank nämlich auch häufig in der Nacht sehr giftig – illegalerweise ihren Einsatz verrichteten.

Bis zum Ende meines Krankenhausaufenthaltes konnte ich den wahren Grund nie herausfinden, genauso wenig, wie in einer einzigen Nacht in den frühen Morgenstunden zweimal jeweils eine Salve an Schüssen zu vernehmen war, bei denen ich mir schon voller Angst lebhaft ausmalte, wie gleich ein Amokläufer die Tür zu meinem Krankenzimmer aufreißt. Dafür bin ich jetzt in guter Kenntnis bezüglich der Existenz eines technischen Bereitschaftsnotdienst vom Krankenhaus Heide, der auch in der Nacht abrufbar gewesen wäre. Dessen Vorhandensein wurde mir jedoch in einer sehr schlimmen Nacht von den Dienst habenden Schwestern -böswillig? – verschwiegen. Hatte ich doch für teures Geld und mit viel Insistieren nach einigen schlaflosen Nächten für mich endlich ein Einzelzimmer erwirkt, ging ich davon aus, dass neben den unvermeidlichen Krankenhausalarmen, den nächtlichen Infusionsgaben und dem extrem frühen Nachtende aufgrund der morgendlichen Pflegeroutine, wenigen Schlafstunden wohl nichts mehr im Weg stehen würde. Weit gefehlt. Ich hatte vom Bett aus unterhalb des Notknopfes auf den Lichtschalter gedrückt. Das Zimmer wurde – wenigstens den Umständen entsprechend – dunkel.

Ich schloss meine Augen und schien abermals von den Folgen der Narkose oder auch der zahlreichen Morphiumgaben ausgelöst unter unangenehmen, sehr realitätsnahen Bildern, die sich zu einer Art Filmsequenz zusammensetzten, heimgesucht zu werden. Das Spektakel dauerte jedoch nicht lange, da ging plötzlich – ganz real – das grell scheinende Licht meinem Bett gegenüber an. Ich quälte mich mit dem Infusionsständer zum gegenüberliegenden Lichtschalter, um das Licht wieder auszuschalten, nach drei Minuten ging es plötzlich wie von Geisterhand wieder an. Völlig verzweifelt klingelte ich nach den Nachtschwestern, erklärte ihnen mein Dilemma und klagte, dass ich extra, um ein wenig des so dringend benötigten Schlafes abzubekommen, einen teuren Einzelzimmerzuschlag zahlen würde und und aufgerundet krass hellen Lichtes kein Auge zutun könne.

„Ja, die Problematik kenne ich.“, stimmte eine der beiden Schwestern gleich ein. „Das hatten wir in der letzten Zeit öfters. Aber da können wir jetzt mitten in der Nacht auch nichts machen. Ich gebe Ihnen ein Handtuch. Da können Sie sich über die Augen legen. In Ermangelung einer Schlafmaske versuchte ich es brav damit, hatte jedoch ausschließlich das Gefühl damit zu ersticken, auf keinen Fall aber in diesem unerträglich grellen Licht zum Schlaf zu finden. Gegen 3.00 Uhr nachts flehte ich die Schwester an, doch auf irgendeine Weise für Abhilfe zu sorgen, was sie standhaft verweigerte. Meine Frage bezüglich eines technischen Notfalldienstes verneinte sie, was komplett gelogen war. Nach einer absolut schlaflosen Horrornacht kam immerhin – ich ging zunächst von einer Fata Morgana aus – ganz in der Früh ein liebes Technikerduo, von denen der eine Elektriker sogar begeistert von seinem Lateinunterricht berichtete. „Ja, warum haben Sie denn da nicht schon in der Nacht Bescheid gesagt?“ Ich schluckte schwer und erklärte die Situation. „Da hätten Sie nur noch mehr darauf bestehen müssen, dass die uns gleich in der Nacht anrufen.“

Sie werkelten eine beträchtliche Zeit an dem gesamten Sicherungskasten herum, verließen immer wieder das Zimmer und kamen mit neuen Teilen zurück, tauschten dies und das aus. Schließlich vollbrachten sie die Leistung, dass das Licht nicht mehr unaufgefordert ansprang. Angelehnt an das von mir sehr geschätzte Theaterstück „Huis clos“ von Sartre, das mit dem Satz „L’enfer, c’est les autres.“ endet, formte sich für mich in dieser Nacht in immer verzweifelterem und wütenderen Zustand, quasi in einer Existentialismuskrise à la Sarte und Camus – bei mir tief persönlich, bei besagten beiden Herren natürlich tief philosophisch – der folgende Satz: „L’enfer, c’est la lumière qui ne s’étend jamais.“, der mich mantrahaft durch die grellleuchtende Nacht begleitete.

Sorgte das Lichtspektakel für einen der extremen Kliniktiefpunkte, bereitete mir eine Freundin zusammen mit ihrem Mann das absolute Tages-, ja Wochenhighlight in Form ihres so liebevollen Besuchs. Da war ich fast 1000 Kilometer von der Heimat entfernt, als ich von der besagten Freundin eine sehr liebe Nachricht erhielt, welche sich nicht nur, natürlich noch völlig ahnungslos, nach meinem aktuellen Befinden erkundigte, sondern dies auch noch gleichzeitig mit einem sehr stimmungsvollen Bild aus Husum ergänzte. Bin ich geographisch doch ausgesprochen schlecht bewandert und waren meine kognitiven Fähigkeiten aufgrund der starken Vollnarkosemittel sowie der wiederholten Morphiumgaben mit Sicherheit noch mehr oder weniger stark beeinträchtigt, erkannte ich bereits beim ersten Lesen den einzigartigen Zufall einer so großen, so unwahrscheinlichen Ortsnähe von uns zueinander als wahres Himmelsgeschenk.

Ich war überaus dankbar, auch wenn ich wirklich der lieben Freundin und ihrem Mann ein sehr schlechtes Gewissen gegenüber hatte, dass sie mir selbst in ihrem Urlaub meinen Krankenhausaufenthalt dermaßen lieb versüßten, mit höchst anregenden Gesprächen, einem wunderbaren Buch und dem Versprühen von ganz viel Optimismus.




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