
Das Gefühl des Komplettausgeliefertseins erlebe ich im Krankenhaus stets als sehr bedrückend, in Heide war dies nicht anders. Nachdem mir der mich operierend habende Professor versprochen hatte, dass ich nach dem ersten postoperativ erfolgten Stuhlgang von der „leichten Mischkost“ auf „Vollkost“ umgestellt werden könnte, was endlich auch den Verzehr von Rohkost und Hülsenfrüchten beinhaltete, hatte ich auf Eintragung desselbigen erfolgten ausgesprochen insistiert. Dafür musste ich allerdings erst einmal nord- und süddeutsche Sprachunterschiede aufdecken. Als mich der Krankenpfleger das erste Mal gefragt hatte: „Haben Sie abgeführt?“, hatte ich noch entrüstet mit „Nein“ geantwortet, bis ich verstanden hatte, dass im Norddeutschen das Verb „abführen“ ein Synonym zu „Stuhlgang haben“ darstellt, also sehr wohl auch den ganz aktiven Darmvorgang ohne irgendwelche Hilfsmittel beinhaltet.

Und vom Eintrag desselbigen auf meiner Patientenakte war ich auch ganz fest ausgegangen, als am nächsten Tag die sogenannte Menüassistentin die Essenspläne für die nächsten Tage vorlas: „Dann nehme ich für Samstag ein Linsencurry, am Sonntag den Lachs mit Bandnudeln, am Montag den Wellnesssalat…“, hob ich frohen Mutes an, stellt doch im Krankenhaus meist das Essen – wenigstens im besten Falle – eine der wenigen sinnlichen Freuden dar. „Es tut mir leid, aber das dürfen Sie nicht essen. Bei Ihnen ist nur leichte Kost eingetragen.“ „Aber das sollte doch bereits vor zwei Tagen geändert werden.“, protestierte ich. Es bedurfte über eine Stunde Gespräche mit verschiedenen Anlaufstellen und nahm immer kafkaeskere Züge an, bis ich die „Ausnahmegenehmigung“ für einen Salat erwirkt hatte. Ich hatte allerdings nicht bedacht, dass ich vor lauter Kreislaufproblemen und allgemeiner Schwäche sowie starken Schmerzen sowie dem ständigen Angewiesensein auf Krücken kaum den Weg in das auf dem selben Stockwerk gelegene Restaurant bewältigen konnte. Schließlich schaffte ich es von mehreren kalten Schweißausbrüchen begleitet. Ich hielt mich akkurat an die ärztliche Ernährungsanweisung, nahm auch statt eines Vollkornbrötchens extra eine den Darm nicht belastende Laugenstange und genoss im Rahmen des möglichen das erste richtige Essen außerhalb des Krankenzimmers. Dabei konnte ich wegen der in dem Bauchraum gelegten Drainage noch nicht einmal halbwegs aufrecht vor lauter Schmerzen sitzen.

Wenig später wurde ich von krassen Schmerzkrämpfen, die sich rund um den gesamten Bauch- und Anusbereich zogen, heimgesucht. Selbstverständlich attribuierte ich diese Qualen meiner Ernährungsform und hielt eine knappe Stunde die entsetzlich starken Schmerzen, welche in ihrer Intensität mit denen von Geburtswehen in der Austreibungsphase – als Vierfachmama weiß ich genau, wovon ich spreche – gleichzusetzen sind, aus. Begleitet von dem permanenten schlechten Gewissen, dass ich ja wohl selbst daran schuld sei. Erst als ich im weiteren Verlauf des Tages bis in die späte Nacht hinein noch von zahlreichen weiteren Krampfanfällen heimgesucht worden war, die zufälligerweise eine junge Krankenschwester mitbekommen hatte, wurde die Proktologin dazugerufen. Diese war ein wenig ratlos, konnte mich jedoch auf alle Fälle hundertprozentig beruhigen, dass die Ernährungsform definitiv nichts mit den Schmerzen zu tun hätte. Sie beschwor mich, beim nächsten Anfall unbedingt sofort zu klingeln und auf die Gabe einer wesentlich stärkeren Schmerzinfusion zu bestehen, was sie sofort in meiner Akte vermerken würde.

Ich musste nicht lange warten. Als ich endlich, endlich ein wenig Schlaf erhaschen wollte und erschöpft das Licht ausknipste, erfasste mich ein erneuter Schmerzkrampf ungeheurer Wucht. Ich hatte Mühe, überhaupt in diesem Zustand auf die Klingel zu drücken. Der Krankenpfleger kam kurz darauf, ich presste noch gefoltert hervor: „Bitte hängen Sie mich gleich an die von der Proktologin verschriebene Infusion.“ Er schloss mich an, die Flüssigkeit tropfte zäh in meine Venen, aber nichts, rein gar nichts wurde von den Schmerzen genommen. „Sie machen mir das schon.“ verließ der Krankenpfleger federnden Schrittes mein Zimmer, ich komme dann am Schluss meiner Runde wieder zu Ihnen.“ „Du gäbest eine tolle Hebamme ab.“ schoss es mir durch den Kopf. Diesen Spruch könnte man auch zu jeder Gebärenden sagen, lange genug warten und beim Wiedereintreffen wäre dann im besten Fall das Baby bereits auf der Welt…

Auf diese Weise erlitt ich abermals eine geschlagene Stunde unbeschreiblich starke Schmerzen, bevor ich erneut Morphium bekam. Am nächsten Tag erfuhr ich von der Ärztin, dass dies nicht das erste Mal gewesen sei, wo ein Pfleger sich eigenmächtig gegen die Gabe eines viel stärkeren, aber angeordneten Schmerzmittels entschieden hatte, vielleicht um die Patienten vor eventuellen starken Nebenwirkungen zu schützen. Diese hätte (bzw. habe ich ja dann auch noch) wesentlich lieber in Kauf genommen als das Ertragen dieser unsäglichen Dauerkrämpfe. Übrigens just in diesen Stunden schrieb mir ein sehr lieber Schüler über die Schul.cloud und fragte, ob ich schon wisse, ob ich seine Klasse wieder im kommenden Schuljahr in Latein bekäme…Ich lasse normalerweise Schülerinnen und Schüler nie auf eine Antwort meinerseits lange warten, diese Gesamtsituation stellte allerdings eine große Ausnahme dar…

Jener Pfleger übrigens, der bereits seit über 20 Jahre im Heider Krankenhaus arbeitet, schien mich ja bei der ersten schmerzhaften Begegnung eher für eine hysterische Kuh zu halten und floh schnellstmöglich wieder aus meinem Zimmer. Ganz anderes gestaltete sich die Situation zu einer wesentlich späteren Uhrzeit. So hatte er in der Nacht gegen 2.00 Uhr wesentlich größeren Gesprächsbedarf, als ich an die nächste Antibioseinfusion angeschlossen wurde, gerade als ich in den ersehnten Schlaf gefallen war. Er hatte das Krankenzimmer wie selbstverständlich in Festbeleuchtung getaucht und begann ein längeres Gespräch, ohne dass ich wusste, wie mir geschah. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, wenigstens zu einem Minimum an Schlaf zu gelangen, stattdessen bekannte er freimütig: „Zwischen 2.00 und 4.00 Uhr ist bei uns oft auf Station die tote Zeit und so können wir doch herrlich miteinander schnacken.“

Bin ich wirklich zu fast jeder Tages- und Nachtzeit in beinahe jeder gesundheitlichen Konstitution sehr kommunikationsbereit, stand mir zu dieser nächtlichen Stunde wenige Tage nach der OP und in meinem bejammernswerten gesundheitlichen Zustand mein Sinn nach allem anderem als Schnacken. Allerdings ließ sich der Krankenpfleger in keiner Weise davon beeindrucken und monologisierte ausgiebig, welche Bands (z.B. auch Herbert Grönemeyer) in Heide bereits am Marktplatz aufgetreten wären und beschrieb mir ebenso ausführlich seine Lieblingsgeschäfte in Husum. Irgendwann resignierte ich in dem Wissen, dass auch in dieser Nacht mit einem auch nur annähernd erholsamen Schlaf in keiner Weise zu rechnen sei und half ihm bestmöglich die nächtliche „tote“ Zeit möglichst lebendig zu überbrücken.




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