Blinddarmdurchbruch, Bordevakuierung, Bewusstseins- und Basisvertrauensverlust, Betriebslärm

„Sie müssen mir jetzt hoch und heilig versprechen, dass Sie definitiv kein einziges Kleidungsstück in die Hand nehmen! Sie sind im Land der Träume. In genau 20 Minuten müssen Sie fertig sein. Ich schicke Ihnen gleich die Bordleitung auf Ihre Kabine“, beugte sich der Schiffsarzt zu mir nach unten im Rollstuhl und beschwor mich, die ich aufgrund extremster krampfartiger Schmerzen im gesamten Bauchraum schließlich eine beachtliche Menge an Morphium im Blut hatte, unter allen Umständen alles zu delegieren. Unsere Zwillinge waren gerade beim Tischtennis- bzw. Gesellschaftsspielen und der junge, schwarzgelockte Mann in adretter Schiffsuniform, der gleichzeitig mit mir in unserer Kabine eintraf, hätte mit Sicherheit erfolgreich an einer Guido Maria Kretschmer-Modeunterhaltungsshow mitwirken können.

Als resolute, zupackende Hilfe war er jedoch vollkommen ungeeignet. Dieser Mann hatte nichts besseres zu tun, als mir in der ohnehin schon äußerst beengten Kabine im Weg zu stehen und leidenschaftlich alle Horrorgeschichten zu erzählen, welche er mit seiner Oma bezüglich Blinddarmprobleme erlebt hatte. So blieb mir nichts anderes übrig als ihn freundlich, aber bestimmt auf eine Bettseite zu platzieren und noch zusätzlich durch die Krücken gehandicapt, alle Sachen in Windeseile in vier Koffer für zu Hause und einen für mich für die Klinik zu packen.

Es ist mir immer noch ein Rätsel, aber bis auf wenige Fehlleistungen -Blutzuckersensoren und eine Kinderunterhose waren in meinem Klinikkoffer gelandet, während mein Zahnbürstenaufladegerät im Krankenhaus erst einmal unauffindbar blieb – hatte ich es doch tatsächlich in einem Zustand, in dem sich wahrscheinlich die meisten noch nicht einmal aus dem Rollstuhl herausquälen hätten können, innerhalb kürzester Zeit zustande gebracht, alle fünf Koffer relativ fehlerfrei zu bestücken. Der letzte Pulli war verstaut, da stand schon der Schiffsarzt persönlich mit dem Rollstuhl und all den bisherigen Befunden, Untersuchungen und Medikationen in einem Briefumschlag bewaffnet vor unserer Kabine. Eine ganze Entourage begleitete ihn. Alle schienen gespannt auf die kommenden Ereignisse zu warten, kommt eine Hubschrauberrettung ja nicht alle Tage vor. Mein Herz raste unbeschreiblich, habe ich doch schon seit Jahrzehnten eine solch starke Höhen-und Flugangst, dass ich noch nicht einmal in einem Hotelzimmer bleibe, das höher als im zweiten Stock gelegen ist. Zudem verfiel ich in Panik, da durch die plötzliche Bordevakuierung die Zwillinge für eine Nacht allein in der Kabine verbringen müssten und ich ungeheuer große Angst hatte, dass einer der beiden in einen tiefen Unterzucker fällt und den Alarm nicht hört. An dieser Stelle möchte ich noch einmal meinen allerherzlichsten Dank der lieben Familie aussprechen, welche wir gleich am ersten Tag beim Allergikertreff kennengelernt hatten. Liebe Julia, lieber Christian, liebe Milena, ungeheuer großen Dank, dass ich euch als Ansprechpartner für die Zwillinge in meiner Anwesenheit angeben durfte und Milena hat sogar geschafft, was uns zu Hause in der allgemeinen Morgenhektik bei weitem nicht immer gelingt: die Jungs haben ohne Widerworte auch sofort nach dem Frühstück ihre Zähne geputzt….

„Die Krücken können wir nicht in den Hubschrauber mit hochziehen“, erklärte mir die Rettungssanitäterin, die sich gerade vom Hubschrauber auf das Deck 5 abgeseilt hatte. Seit Stunden vollkommen schmerzverkrümmt war das Laufen das Letzte, an das ich dachte. Wohl aber kreisten meine Gedanken angstvoll um die Notwendigkeit lebend vom fünften Deck in den Hubschrauber hochgeseilt zu werden. Ich deutete dem Notarzt, der ebenfalls in voller Flugmontur angezogen war, meine ungeheuer große Panik diesbezüglich an. Dieser versuchte mich mit den Worten zu beruhigen: „Wir haben alle Familie und wollen auch wieder gesund nach Hause.“

Und schon gab es einen heftigen Ruck, der Notarzt schien auch einen Moment darüber erstaunt und ich klammerte mich so gut es irgendwie ging, gesichert an einem Gurt, der stark in meinen Unterleib einschnitt, trug ich doch wie immer nur Unterwäsche unter meinem Kleid, an den Rettungsarzt. Wir baumelten erst über dem Deck, dann über dem Meer, es war ein unbeschreiblich beängstigendes und surreales Gefühl. Wenn man bedenkt, dass allein schon das Kreuzfahrtschiff aus mindestens 15 Decks besteht und der Hubschrauber deutlich höher darüber kreiste, kann man sich eine kleine Vorstellung davon machen, wie hoch wir tatsächlich über dem blauen Ozean baumelten. Kurz bevor ich den festen Boden des Hubschraubers zu erspüren ahnte, hatte ich das Gefühl, dass sich die Karabiner meines Gurtes lösen würden und ich ins Unendliche fallen würde. Schließlich erreichte ich tatsächlich, mit dem Gesäß als erstes, den tragfähigen, fliegenden Untersatz und robbte mich krebsartig, am ganzen Leib zitternd, Millimeter für Millimeter weiter nach hinten auf die Rettungsliege. Dies alles geschah selbstverständlich noch bei geöffneter Hubschraubertür und mich überfiel eine unsägliche Panik, aus der geöffneten Tür ins Bodenlose zu stürzen.

Die gesamte Besatzung inklusive mir trugen aufgrund des großen Lärms Ohrstöpsel sowie Kopfhörer, so dass eine Verständigung nur per Blickkontakt, Handzeichen oder auch per Display möglich war. Die Rettungssanitäterin hielt mir in regelmäßigen Abständen die Frage vor Augen: „Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“, auf die ich nur höchst angespannt den Daumen nach oben hob. Wenig später schrieb sie mir ganz verzückt: „Sie haben sich einen schönen Abend ausgesucht.“ und fotografierte begeistert den mit rosafarbenen Wolken verzierten Himmel. Aus den mir eigentlich  versprochenen 15 Minuten Flug wurden schlussendlich etwa 45 Minuten. Offenbar flogen wir über einige Halligen und Helgoland, wovon ich im Liegen nichts mitbekam. Bemerkenswerterweise litt ich, bedingt auch durch die starken Morphiumgaben, während des gesamten Fluges deutlich mehr unter der Flugsituation – dadurch, dass der Hubschrauber kontinuierlich mit der Nase weiter unter als mit seinem Hinterteil war, fühlte ich mich ständig vom Absturz bedroht -als unter den akuten Blinddarmschmerzen.

Dank des Hubschrauberlandeplatzes im Krankenhaus Heide blieb mir ein erneutes Abseilen erspart und ich wurde – fast langweilig – auf eine klassische Notfallkrankenhaustransportliege umgelagert. Auf dieser ging es unverzüglich zu diversen Untersuchungen. Die Diagnose des Blinddarmdurchbruchs stand rasch im Raum, eine sofortige, lebensrettende Operation stand außer Frage. Einzig, der dafür nötige OP-Saal war noch besetzt. Und so schob man mich mitten in der Nacht in ein ziemliches Horrorkrankenzimmer. Es stank schon von weiten nach Urin. Optisch wurde das Bild durch Urin- und einige Blutbeutel, welche aus verschiedenen Extremitäten der Mitpatientinnen herabbaumelten, komplementiert. In vollständiger Straßenkleidung und von unzähligen Ängsten begleitet versuchte ich die Augen zu schließen, um wenigstens kurz den realen Ort des Krankenzimmers mit drei Mitpatientinnen weit über 80 mit all ihren Problemen auszublenden.

Dass die eine von ihnen unglaublich laut schnarchte, sollte sich noch als das allergeringste Problem herausstellen. Als wesentlich ruheverhindernder zeigten sich alsbald die sich in unregelmäßigen Abständen wiederholenden Wehklagen von der über 90- jährigen Frau S. -wie ich es alles am nächsten Morgen erfuhr. „Oh, mein Gott, es ist 1.30 Uhr und ich kann nicht schlafen.“ Wenig später: „Ich muss Aa, aber ich kann nicht.“ oder auch: „Ach, mir ist so schlecht.“, begleitet von entsetzlichen Würgegeräuschen. Diese alle und noch mehr wechselten sich die gesamte Nacht über ab, einzig durch ständig piepsende Monitore unterbrochen. „Ziehen Sie sich schon mal die OP-Kleidung an.“, bestückte mich die Krankenschwester mit den nötigen Utensilien, inklusive der obligatorischen grünen Haube, am frühen Morgen. „Sie werden sofort in den OP gefahren.“

Dass ich dort zum wiederholten Mal alle meine persönlichen Daten aufsagen sollte, stimmte mich hinsichtlich der korrekten Operationsstelle vorsichtig optimistisch. Dass ich im Anschluss dazu aufgefordert wurde, in meinen eigenen Worten zu beschreiben, was denn bei mir in den folgenden Stunden genau alles operiert werden würde, irritierte mich hingegen. Sollte, wenn es mir nicht gelingen würde, den geplanten Eingriff medizinisch korrekt darzustellen, dann nur auf meine stümperhafte Beschreibung hin operiert werden? Oder wollte man damit den Zustand meiner intellektuellen Unversehrtheit überprüfen? Nach einigen sehr belastenden Atemzügen in die Sauerstoffmaske hinein, bei der mich allein aufgrund des massiven Drucks ein Erstickungsgefühl heimsuchte, und der Einleitung der Anästhesie verlor ich umgehend das Bewusstsein. Einer der von mir nach wie vor am aller gefürchtetsten Momente. Zum allerersten Mal konnte ich bezeichnenderweise beim besten Willen der bekannten Aufforderung zu Beginn der Narkose: „Denken Sie an etwas Schönes.“ in keiner Weise nachkommen, war ich doch von der schieren Panik zerfressen. Zudem konnte ich nur inständig hoffen, dass die Jungs allein gut in der Kabine verbracht hatten und in der Zwischenzeit wieder ihren Papa in die Arme schließen konnten. Diesbezüglich tat es mir unglaublich leid, hatte ich mir doch für den lebensgefährlichen Blinddarmdurchbruch nicht so wirklich den richtigen Kairos ausgesucht. Ich hatte von nichts gewusst, aber hätte ich den Papa zehn Minuten später vom Bordhospital informiert, wäre er bereits im Flieger gen Mallorca gesessen. So tat es mir entsetzlich leid, aber statt des Fluges von Stuttgart nach Palma ging es nur nach Hamburg. Es tut mit wirklich total leid, aber ich bin mir sicher, dass du den Flug ganz bald nachholen kannst. Am Blinddarm, zumindest an dem meinigen, kann es ja nun definitiv nicht mehr liegen….

„Atmen Sie, atmen Sie!“, vernahm ich die Stimme einer Schwester im Aufwachraum. War die Sauerstoffsättigung doch viel zu niedrig. Einfacher gesagt als getan, wenn man so viel Luft in den Bauchraum geblasen bekommen hat, dass diese auch auf die Lunge zu drücken schien. Irgendwann erwies sich das Atmen wieder als erfolgreich und ich durfte von einem Vierbett-auf ein Zweibettzimmer wechseln. In diesem lag eine 79-jährige ehemalige Lehrerin, welche nun in Tönning nebenbei als Archivarin arbeitet. Sehr sympathisch und überaus belesen. Aber an Ruhe war tagsüber aufgrund ihrer lebhaften und wirklich auch interessanten Erzählungen – sie hatte sogar ein Buch über die Rinderhaltung im Laufe der Jahrhunderte im hohen Norden verfasst, von dem sie mir rührenderweise ein handsigniertes Exemplar schenkte, was mir viel bedeutet – , in der Nacht aufgrund ihres ausgeprägten Schnarchens  nicht auch nur ansatzweise zu denken. Dazu war ich immer wieder von entsetzlichen Schmerzkrämpfen heimgesucht und ständig hing ich an Antibiose- und Schmerzinfusionen, deren Durchfließen häufig noch zusätzlich schmerzte.

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