Nach Santiago wollte ich nie von Cornelia Koch aus dem DuMont-Verlag

Während für eine Vielzahl der Leute in ganz Europa ein kürzeres oder längeres Pilgern, sei es aus religiösen oder auch aus hauptsächlich sportlichen Gründen, ganz oben auf der Bucketlist steht, war genau dieser Ort definitiv nicht das erklärte Ziel für die Journalistin und Kommunikationstrainerin Cornelia Koch. Für die mittlerweile 60-jähirge (welche auf den Fotos absolut mädchenhaft und sogar jünger als 50 Jahre wirkt) war das gesamte Gebiet des Weitwanderns bis vor zehn Jahren überhaupt nicht präsent, ehe sie es als immer wichtiger erachtete, eine Art Rückschau auf ihr bisheriges Leben zu halten und daher beschloss, von ihrem Zuhause in Potsdam bis zu ihrem Geburtstort in Westfalen (Münster) zu wandern. Wie sie schließlich weit über Deutschland hinaus halb Frankreich und Spanien bis hin nach Santiago de Compostela durchwanderte, wo sie nach dem Zurücklegen unglaublicher 3348 Kilometer innerhalb von 5,5 Monaten schließlich nicht nur diesen einzigarteigenen Ort erreichte, sondern auch von dem Glücksgefühlt durchströmt wurde, endlich bei sich selbst, in ihrem Innersten angekommen zu sein, beschreibt sie auf über 300 Seiten.

Dabei gelingt es ihr durch eine fesselnde Erzählweise die Leser stets so hautnah mitzunehmen, dass man an vielen Stellen fast das Gefühl bekommt, sie auf dem Pilgerweg direkt zu begleiten. Dieses Buch ist bei weitem nicht nur für alle ausgesprochen lesenswert, welche immer wieder neue (extreme) sportliche Herausforderungen suchen, sondern mindestens genauso für all diejenigen, welche immer öfters in dem ganzen Alltag das vage Gefühlt beschleicht, dass das doch noch nicht alles im Leben gewesen sein kann. Zudem ist es sehr spannend, immer tiefer in die Biografie der Autorin eintauchen zu dürfen, welche auch schon vor diesem ganz besonderen Wanderabenteuer viel im Leben herumgekommen ist und bereits vor vielen Jahren den Mut hatte, mit einer Freundin ein Urlaubsdomizil in Südfrankreich zu erwerben. Das gesamte Reisememoir ist absolut berührend und mitreißend geschrieben und stellt eine eindrucksvolle Erzählung dar, wie sie auf den Spuren ihres Lebens und auf dem Jakobsweg gewandert ist. Es ist faszinierend geschrieben und kunstvoll verwoben, wenn man sowohl viel über ihre vielen verschiedenen Lebensstationen mit all den unvermeidlichen Höhen und Tiefen von früher erfährt als sich auch gleichzeitig stets mit ihr zusammen weiter auf den Pilgerweg aufmacht. Mehrere Schicksalsschläge werden wohl dann den finalen Motivationsschub für das Weitwanderprojekt gegeben haben. Beeindruckende Fotos illustrieren lebendig die lange Pilgerreise von Cornelia Koch.

Die Autorin zieht einen mit ihrer Erzählung unaufhörlich in den Bannn und gerade auch die Berichte ihrer zahlreichen Begegnungen mit so unterschiedlichen Menschen sind ausgesprochen lesenswert. Und anhand der so verschiedeneren Biografien wird auch die Leserschaft immer wieder zum Reflektieren angeregt, z.B. über Begriffe wie „Heimat, Zugehörigkeitsgefühl“ oder eben auch „Sinn des Lebens oder Lebenskrise“. Gleichzeitig lernt man auch viel über die durchwanderten Landschaften und zahlreiche Attraktionen der jeweiligen Regionen kennen.

Insgesamt handelt es sich bei diesem Buch um einen sehr ehrlichen Bericht, der immer wieder auch durch kurze Ausschnitte aus ihrem Reisetagebuch unterbrochen wird. Dies ist ebenfalls eine Hymne auf die Freundschaft, welche mit den Familienmitgliedern zusammen – egal, wie viele Kilometer sie auch voneinander entfernt waren – ebenso zum Durchhalten als auch die mit jedem Schritt zunehmende Fähigkeit, sich voll und ganz nur auf das jeweilige Hier und Jetzt zu konzentrieren, eine entscheidende Rolle spielen.

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