
Anders als Atlas, der sich von der List von Herkules überrumpeln ließ, so dass schlussendlich doch wieder der Titan selbst die Himmelslast auf seinen Schultern tragen musste, verbringt Lale in den 80-er Jahren eine ausgesprochen haltlose Kindheit, welche buchstäblich ohne Grenzen war. Was sich vielleicht einige ihrer Altersgenossinnen als Kind gewünscht hätten – so lange wach bleiben, wie man möchte, Süßigkeiten bis zum Umfallen essen und erst ins Bett fallen, wenn man vor lauter Müdigkeit die Augen definitiv nicht mehr aufhalten kann – erfüllt die junge Protagonistin in keiner Weise, vielmehr erlebt sie jeden Tag eine grenzenlose Haltlosigkeit und vermisst schmerzlichst ein Zugehörigkeitsgefühl. So steht sie stets im Spannungsfeld zwischen der Suche nach Geborgenheit und Verlässlichkeit sowie dem häufigen und traumatisierendem Erleben von Grenzübertretungen anderer ihr gegenüber. Erst viele Jahre später findet sie im Erzählen und Schreiben selbst den Halt, den sie während ihrer gesamten Kindheit so sehnsüchtig vermisst hat.

Höchst verstört begleitet die Leserschaft die Protagonistin nicht nur von Kindheitsbeinen, sondern sogar schon im Embryonalzustand, durch das entbehrungsreiche und qualvolle Leben und leidet wohl an vielen Stellen mit oder ist absolut fassungslos, zu lesen, wie alleingelassen und physisch und psychisch gefährdet Lale seit der Geburt an durch die mütterliche Drogensucht sowie den väterlichen Lebenswandel, der straffällig geworden ist, Tag für Tag und Nacht für Nacht war. Da der leibliche Vater im Gefängnis ist, wächst sie schließlich als Pflegekind in einer Männer-WG auf, in welcher der Genosse ihres inhaftierten Vaters lebt und zu welcher der Vater im Anschluss an seine Haftentlassung ebenfalls hinzustößt.

Bei ihren Erzählungen hält man immer wieder die Luft an und liest mit Bestürzung, was sie bereits als Vorschulkind in Nicaragua alles erleben musste, deren Leben sich nach der Rückkehr nach Berlin leider in keiner Weise auch nur annähernd verbessert hatte. Durch die sehr eindrückliche Schreibweise von Lilli Tollkien ist man sofort inmitten des Geschehens. Auch wenn sie z.B. sexualisierte Gewalt häufiger nicht plakativ darstellt, sondern szenisch ausdrückt, weiß die Leserschaft sofort, worum es geht. Man ist sehr betroffen und mitgenommen, wenn man realisiert, welche Höllenqualen in jeglicher Hinsicht die Protagonistin während ihrer gesamten Kindheit durchleiden musste. Umso tröstlicher erscheint es, dass sie nach vielen Rückschlägen einen Weg der relativen Lebenszufriedenheit und -stabilität gefunden zu haben scheint. Dabei ist es sehr berührend, dass es gerade das Schreiben ist, was es als Einziges vermag, ihr Halt zu geben, wenn man z.B. auf der Seit 238 liest: „Das Schreiben wird ein Zuhause sein. Es ist nicht, als ob ich schreibe, sondern ich schreibe.“




Schreibe einen Kommentar