
Genauso unruhig wie das Cover dieses ganz aktuell im Kremayr&Scheriau-Verlag erschienenen Romans wirkt, wird sich wohl auch die Protagonistin des Buches, Sonja, fühlen, die wahrlich kein einfaches Leben zu bestreiten hat. Sie zerreibt sich zwischen ihrer Arbeit im Einzelhandel, den mütterlichen und ehelichen Pflichten und leidet zudem noch unter permanenten finanziellen Sorgen. Der Verlust ihres Jobs treibt sie schließlich in ein zwielichtiges Geschäftsmodell, bei dem sie unter einem Fakeprofil gegen Bezahlung mit fremden Männern chattet. Wider Erwarten stärkt dies ihr völlig verlorenen gegangenes Selbstbewusstsein sowie das Gespür für sich selbst, sorgt jedoch zugleich für ein immer größeres Krisenpotential in ihrer eigenen Familie.

Der gebürtigen Wiener Journalistin, die nun in Hamburg schreibt, ist mit diesem Debütroman ein lesenswerter Roman geglückt, welcher sich mit bedrückenden Themen wie der weiblichen Unsichtbarkeit und der Armut beschäftigt. Man liest eindrucksvoll, welch negative Konsequenzen man erfahren muss, wenn man sich nach einem besseren Leben irgendwo anders sehnt. Einzig störend finde ich die zu kleine Schrift und dass einige Passagen etwas langatmig wirken. Gleich während der ersten Seiten der Lektüre erhält man eine sehr plausible, wenn auch höchst deprimierende, Erklärung für den Titel dieses Buchs. Der Titel ist bestens gewählt, da das verlassene Haus für so vieles metaphorisch stehen kann, das in diesem Roman oft erschreckend und verstörend realistisch beschrieben wird. Die Autorin stellt nicht nur mit eindrucksvollen Worten dar, in welch innerem Konflikt man sich stets als berufstätige Mutter befindet, wenn die Kinder krank werden, sondern für mich als Mutter von zwei Typ1-Diabetes-Kindern war es zudem höchst emotional zu lesen, als Sonja von der so unerwarteten Diagnose von Typ 1-DIabetes bei ihrem Sohn Sebastian erfährt.

Nebenbei sei übrigens in diesem Zusammenhang erwähnt, dass eine nicht zu verachtende Prozentzahl gerade der berufstätigen Mütter ihren Beruf nach einer solchen Diagnose aufgeben oder deutlich reduzieren muss, da das Blutzuckermanagement tatsächlich unglaublich viel Zeit, Nerven und Dauererreichbarkeit Tag und Nacht erfordert, gerade wenn die Kinder noch klein sind. In die Gedanken- und Gefühlswelt der knapp 50-jährigen Protagonistin werden sich wohl die meisten der Frauen und gerade auch die Mütter bestens hineinversetzen können, wenn sie von deprimierenden, auslaugenden, monotonen oder auch schmerzerfüllten Situationen erzählt. Dadurch dass Sonja Geld verdient, indem sie für das Chatten mit Männern bezahlt wird, wächst ihr Selbstbewusstsein zunehmend. Die häufig sehr kurz gehaltenen Sätze spiegeln ideal die innerliche Unruhe und Daueranspannung der Hauptfigur wider. Außerdem sind sie an vielen Stellen mit äußerst treffenden Vergleichen aufgeladen. Immer wieder ist es schmerzhaft zu lesen, dass die Familie ebenso öfters mit denselben Diabetesproblemen bei Schulkindern wie es bei uns der Fall ist, zu kämpfen hat. Der Roman bietet ein sehr sympathisches offenes Ende, das allen Leserinnen und Lesern ermöglicht, je nach Gusto die Weiterentwicklung von Sonja und ihrem Lebensweg auf ganz individuelle Weise zu entwerfen.



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