
Beim Betrachten des Titelbildes, das an sich aufgrund der Farbauswahl sehr stimmungsvoll wirkt, wird sich wohl die eine oder der andere Leser/in wundern, warum das Cover von einer schwarz-weiß gefleckten Kuh dominiert wird. Dies klärt sich jedoch schnell auf, wenn man erfährt, dass die zwei Protagonistinnen, deren Motto „Fuck your work, fuck your man, but never, never fuck your sister!“ mit einer Herde trächtiger Kühe bis ans Ende Europas, in die Türkei, unterwegs sind, und zwar sowohl per pedes (zumindest zunächst die eine der beiden), als auch im LKW. Dabei ist mit „sister“ die Schwester im Geiste gemeint und man freut sich auf jeder einzelnen Seite bei dieser Road Novel zu lesen, wie es den beiden so unterschiedlichen Frauen im Laufe der Romanhandlung gelingt, trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten immer wieder nicht nur patente Lösungen zu finden, sondern auch von Abenteuer zu Abenteuer eine stets tiefere Freundschaft zu entwickeln. Dabei stoßen sie nicht nur sprachlich immer wieder an ihre Grenzen, stammt Anna doch aus einem osteuropäischen Land, während die Heimat der schweigsamen Lehrerin mit Burnout und einer „Grundsatzdepression“ Deutschland ist. Das Werk ist aus der Sicht der stillen Wanderin in der Ich-Perspektive erzählt.

Diese möchte sich in gottverlassenen Dörfern von Italien beim alleinigen Wandern und Klettern bis zur völligen Erschöpfung endlich wieder so physisch spüren, dass es auch ihre Psyche heilen kann. So hat sie gleich nach dem Erklimmen des ersten Gipfels ihr Handy runtergeworfen, freut sich aber dann nach dem ersten Schrecken doch sehr über die Begegnung mit einer jungen Frau namens Anna einige Tage später, deren Job darin besteht, Rinder quer durch Europa bis in die Türkei im Transporter zu fahren. Der Roman ist so authentisch und fesselnd geschrieben, dass man sich sofort nach den ersten Seiten der Lektüre mit der Protagonistin identifiziert und mit ihr im Geiste mitwandert, mitleidet und quasi alles mit ihr gemeinsam erlebt. Die beiden Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein: die eine ist eine gut bezahlte, kinderlose Lehrerin, welche nach ihrer Aussage „100 %“-Stress empfindet, während Anna Mutter einer 15-jährigen Tochter ist, den harten und schlecht bezahlten Beruf einer LKW-Fahrerin ausübt, aber ihrer Aussage nach nur „50%“ Stress empfindet.

In dem Werk sind viele Dialoge genauso aufgezeichnet, wie sie im fiktiven Gespräch geführt werden, also auf Englisch, was einem beim Lesen noch einmal in eine ganz andere Situation versetzt, aber natürlich zumindest Grundkenntnisse im Englischen voraussetzt, um das Gesagte auch zu verstehen. Ansonsten bekommt man aber auch viele Handyübersetzungen gleich auf Deutsch präsentiert. Der Roman liest sich sehr flüssig und ist herrlich geschrieben, so dass man sich z.B. sofort das abgehackte Gespräch zwischen den beiden ungleichen Frauen auf Englisch im LKW lebhaft vorstellen kann, das an einigen Stellen im Buch ebenso in stakkatoartigen Sätzen oder auch bereits optisch durch das Setzen vieler Bindestriche markiert wird. Viele Passagen sind immer wieder in Englisch gehalten, längere Dialogpassagen werden allerdings stets als das Ergebnis des von dem Damenteam rege verwendeten Googleübersetzers auf Deutsch präsentiert. So stellt die Sprache in dem gesamten Buch eine besondere Mischung aus vielen englischen, manchmal auch italienischen, kürzeren Sätzen und längeren Deutschpassagen per Translator und der deutschen Erzählung aus der Ich-Perspektive der Wanderin, von der man bis zum Schluss nicht den Namen erfährt, dar. Das Buch bietet ein spannendes Lesevergnügen und man ist während des gesamten Roadtrips wirklich hautnah dabei.




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