
Vieles, was im Alltag völlig routinemäßig abläuft, wird in gesundheitlichen Notsituationen zur großen Herausforderung. So ist ein Duschen bei einem Blutdruck von 80 zu 50 eine wahre Herausforderung, auch wenn das Herzrasen ein Zeichen dafür war, dass der Puls tatsächlich während des gesamten Klinikaufenthaltes exorbitant erhöht war. Immerhin ließ mich der bereitstehende Duschhocker trotz der Fußbehinderung und der großen Kreislaufprobleme das „männliche Duschen“, wie der mich operiert habende Professor den Reinigungsprozess von maximal zwei Minuten (durfte doch noch ja keine Naht aufgrund von zu großer Nässe aufweichen) bezeichnet hatte, korrekt durchführen. Einzig die zahlreichen Pflaster, Zugänge und die Drainage, in die nach wie vor beunruhigend viel der sehr trüben (aufgrund des Eiters) Wundflüssigkeit aus dem Bauchraum floss, beeinträchtigten das Duschen.

Dass meine liebe Bettnachbarin offenbar die gelben und roten Farbpunkte unserer Handtuchhalter verwechselt hatte und ich beim Abtrocknen zu spät bemerkte, dass das an meinem gelben Haken hängende Handtuch bereits kurz zuvor benutzt worden war, machte diese ein wenig später mehr als gut – ohne, dass ich ihr selbstverständlich von der Verwechslung erzählt hätte. Wir unterhielten uns gerade über den Tod, das Göttliche und eine Seelenwanderung, als sie fragte: „Wie alt bist du eigentlich?“ Ich zuckte zusammen, hasse ich diese Frage doch spätestens seitdem mir sehr liebe Schülerinnen und Schüler vollkommen selbstverständlich zu meinem 30. Geburtstag (hochschwanger und ohne ein einziges graues Haar) zum 40. gratulierten, als ich ihnen sagte, dass ich mich sehr über ihre selbst gebackenen Muffins freuen würde und ich sogar noch einen runden Geburtstag zu feiern hätte.

Die Logopädin unseres Sohnes beschrieb mich offenbar mal ihrer Freundin als „diejenige mit den komplett grauen Haaren“ und eine andere Frau fragte mich vor kurzem (vielleicht machen mich der Gehgipsersatzschuh und die Krücken noch einmal um einiges älter), ob ich noch aktiv im Dienst sei. Unter anderen Mitfünzigerinnen komme ich mir mit meinen 47 Jahren immer als die älteste vor. Und so war ich völlig geplättet, als meine reizende 79-jährige Bettnachbarin (der ich völlig vergessen habe zu sagen, dass sie tatsächlich wesentlich jünger aussieht), die Hände ganz erstaunt vor ihr Gesicht schlug, als ich ihr mit etwas Magengrummeln mein wahres Alter verriet und ich mit einer Reaktion à la: „Ich dachte, dass du so Mitte 50 seist.“ rechnete. Umso verblüffter war ich, aus ihren Mund folgende Worte zu hören: „Ich habe dich auf Mitte 30 geschätzt, dein Gesicht schaut so jung aus.“ Ehrlicherweise muss ich ergänzen, dass sie ein wenig später längere Zeit auf der Suche nach ihrer Brille war…

Ich neige ja leider bei allen möglichen Dingen zum negativen Antizipieren. Eine der allerersten großen Sorgen, als ich nach der Operation die Drainage in meinem Bauch entdeckte, war, dass ich genau wusste, dass diese irgendwann wieder gezogen werden müsste. Ich erinnere mich diesbezüglich an wenig so genau, als wie mir nach meiner ersten beidseitigen Hüftoperation im zarten Alter von 12 Jahren, nachdem ich tagelang quälend nur auf dem Rücken liegen durfte, die Drainagen aus dem rechten und linken seitlichen Oberschenkel gezogen wurden. Ich spüre noch bis heute die so entsetzlich großen Schmerzen, die mich während des Ziehens der zweiten Drainage sogar bewusstlos werden ließen. Tagelang wollte ich unter gar keinen Umständen diese Drainage aus dem Bauch gezogen bekommen und mich überfiel bereits beim alleinigen Gedanken daran die pure Panik. Selbstverständlich war es jedoch eines Tages soweit. Als ich dem Professor kurz meine große Panik davor andeutete, wies er todernst die sehr liebe Schwester aus Albanien an: „Und denken Sie unbedingt daran, der Patientin Holzklötze zwischen die Zähne zu schieben. Dann hören wir ihr Schreien nicht.“ Die Krankenschwester und ich wechselten gleichermaßen irritierte, angsterfüllte Blicke, bis der Professor uns aufklärte: „Willkommen in Norddeutschland, das ist unser Humor.“

Als sich Schwester Laura als die beste Drainagenherauszieherin überhaupt vorstellte, begann ich ihr zaghaft zu glauben. Es gibt mit Sicherheit Angenehmeres, aber es ist ihr tatsächlich meisterhaft gelungen, das doch sehr breite und lange Plastikteil, das tagelang die eitrige Wundflüssigkeit aus meinem Bauchraum zum Begutachten herausgeleitet hatte, so kunstvoll herauszuziehen, dass mein regelrechtes Drainagentrauma wenigstens zu einem beachtlichen Teil überwunden schien und ich ihr auf immer sehr dankbar verbunden bin. Nur optisch klaffte erst einmal an dieser Stelle ein beträchtlich tiefes Loch, das der Körper in den kommenden Tagen wundersamerweise selbst wieder zusammenwachsen ließ.

So leicht wie das Zusammenwachsen des Lochs, stellte sich leider bei weitem nicht alles andere dar. Aufgrund meiner „Multimorbidität“ entstanden immer wieder viele zusätzliche Probleme. So schmerzte mein Handgelenk und der Handrücken extrem bei jedem Schritt, den ich mit den Krücken ging, drückte doch der in den Handrücken gelegte Zugang immer schmerzhaft in die Hand, während fußgesunde Menschen ja überhaupt keinen Druck beim Gehen auf ihr Handgelenk ausüben müssen. Was ich mir monatelang nach der Fuß-OP schmerzhaft spritzen musste in Form der Heparinspritzen, ereilte mich nach der Blinddarm-OP als Thromboseprophylaxe nun selbstverständlich wieder genauso wie ein gewisser Ruf, der mir vorauszueilen schien. Ich hoffe mal stark, nicht nur rein negativ. Zweimal hörte ich nämlich von mir bis dato unbekannten Krankenschwestern, die ich z.B. an das Setzen der Heparinspritze erinnerte oder um ein weiteres Schmerzmittel bat: „Ach, Sie sind die Frau F.“. Ob ich einen gewissen Sonderstatus aufgrund der Transportweise in das Krankenhaus, meiner sehr entfernten Bundeslandzugehörigkeit oder auch aufgrund des Faktums, dass ich die ganze Zeit aus Platzmangel nicht in der Viszerial-, sondern der Neurochirurgie untergebracht war, hatte, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.

Sehr gut dagegen habe ich nach wie vor ein immer wieder entwürdigendes und ärgerliches Gefühl in Erinnerung, das sich aus typischen Krankenhaussituationen ergab. So hatte ich bereits an einem Nachmittag, extra unter der Berücksichtigung der Schichtübergabe und anderer stressiger Stoßzeiten, mehrfach Bescheid gegeben, dass ich die Vermutung habe, dass der Zugang nicht mehr richtig sitzt, durch den alle Infusionen fließen. Man ließ mich jedoch stundenlang unbeachtet allein im Zimmer. Nachdem ich selbst über mehrere Stunden drei Schwestern fast verzweifelt um das Stechen der mir so verhassten Thrombosespritze und das Legen eines neuen Zugangs bat, erbarmte sich schließlich eine Schwester zu eigentlich bereits zu später Stunde, gibt es doch immer eine exakte Antibiostaktung. Sie hing mich an eine weitere Antibiose. Erwartungsgemäß lief leider davon ein Großteil auf mein Bettlaken und den Handrücken, so gut wie nichts in die Venen. Nun wurde auch dem Pflegepersonal mit stundenlanger Verspätung klar, dass ich einen neuen Zugang benötigte.

Am späten Abend eines Samstags wurde dieser Auftrag schließlich gnädigerweise an den nächtlichen Bereitschaftsarzt weitergegeben. Ich konnte vor dessen Eintreffen kein Auge zutun, habe ich ja ohnehin einen völlig gestörten Schlaf und gelingt es mir nie, wenn ich einmal kurz aufgrund von was auch immer geweckt worden bin, in der gesamten Nacht wieder einzuschlafen. Weit nach 1.00 Uhr nachts traf eine resolute Ärztin mit einem hörbar osteuropäischen Akzent ein, die deutlich mehr von sich überzeugt war als wie ihre Venenstechfähigkeiten ausgeprägt waren. Mit großer Wucht stach sie erst in meine rechte, dann in meine linke Armbeuge, bis ich nur noch entsetzt aufschrie. Sie blieb von meinen Schmerzensschreien völlig unbeeindruckt, stocherte mit großer Hingabe weiter und konstatierte, dass meine Venen sehr flexibel seien. Tatsächlich würde ich deutlich weniger Gewicht der Beschaffenheit meiner Venen als ihrer Unfähigkeit attribuieren. Schließlich gelang der dritte Versuch oberhalb des linken Handgelenks. Sie stocherte abermals für mich äußerst schmerzhaft herum, bis wundersamerweise endlich mit einer sechsstündigen Verspätung gegen 2.00 Uhr nachts die nächste dringend benötigte Antibiose für die Senkung der exorbitant hohen Entzündungswerte durchfließen durfte..

Ohne so lange rumzufackeln, dafür nicht unbedingt zufriedenstellender stellte sich übrigens der Wechsel der Bettwäsche durch bereits bekannten Nachtpfleger dar. Mein Anfangsbettlaken zeigte nach einigen Tagen aufgrund zahlreicher Blut- sowie Wundflüssigkeiten und nicht in die Venen geflossenen Antibiosen nur noch einen ausgesprochen geringen weißen Farbanteil auf. Und so machte sich der Pfleger zur nächtlichen Stunde beherzt an das Aufziehen eines neuen Spannbettuchs. Ganz Hausfrau konnte ich nicht umhin, soweit es der frisch operierte Buchraum zuließ, ihm beim Beziehen desselbigen ein wenig behilflich zu sein. Damit, dass ich allerdings im Anschluss daran, erst einmal das neue Bettlaken vom Dreck freikratzen musste, hatte ich freilich nicht gerechnet. Zu meinem Entsetzen bemerkte ich nämlich zwei große Kaugummibatzen, welche der Maschinenwäsche widerstanden hatten, olfaktorisch und auch haptisch ganz eindeutig als Kaugummi zuordbar waren und nur mich, in keiner Weise den resoluten Pfleger, zu stören schienen. Ich ekelte mich ausgesprochen vor dieser Drecksbettwäsche, aber konnte nichts anderes tun, als in minutenlanger Handarbeit möglichst viel von dem so ekligen Kaugummi abzukratzen. Im Abkratzen bin ich ja leider aufgrund der immer wieder monierenswerten Entsorgungsmöglichkeiten von Kaugummi von einem unserer Zwillinge geradezu ein Profi.




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