Physik der Schwermut von Georgi Gospodinov aus dem Aufbau-Verlag

Es werden wohl einige, wenn sie an ihren Physikunterricht in der Schulzeit zurückdenken, alles andere als positive Erinnerungen daran haben, polarisiert dieses Fach doch relativ stark und können sich gerade die Fremdsprachenbegeisterten nicht unbedingt mit den Phänomenen der Optik oder vielen anderen physikalischen Themen anfreunden. Ganz anders verhält es sich nun mit diesem im Aufbau-Verlag erschienenen Roman „Physik der Schwermut“ von Georgi Gospodinov aus dem Aufbau-Verlag, welcher zwar eines der am meisten gehassten Schulfächer im Namen trägt, ansonsten jedoch ein großes Lesevergnügen bietet und so konzipiert ist, dass man es immer wieder ausgesprochen gerne zur Hand nehmen wird.

Dabei ist die Lektüre auch intellektuell äußerst bereichernd, findet man doch sowohl Geschichten aus der griechischen Antike als auch Bezüge auf den bulgarischen Kommunismus, welche raffiniert und höchst fantasievoll in Geschichten eingebettet sind. Und so erfährt man im Laufe des beeindruckenden Romans unter anderem, warum vielleicht in jedem Menschen ein wenig von dem berühmten Minotauros enthalten ist oder auch warum der Roman dem Grundgerüst eines Labyrinths folgt. Dem bulgarischen Autor Georgi Gospodinov ist mit diesem Werk ein kleines Meisterwerk gelungen. Allein bei der fiktiven Diagnose des porträtierten Jungens, der an dem „obsessiv empathisch-somatischen Syndrom“ leidet, oder auch an der Überschrift, welche eine ganz besondere Alliteration mit „Antianthropozentrische Anmerkungen“ enthält, erkennt man bereits den großen Einfallsreichtum des mit zahlreichen Preisen dotierten fast sechzigjährigen Schriftstellers.

Und in all den Zeiten der persönlichen wie auch der weltpolitischen Schwermut gelingt es dem Bulgaren tatsächlich mit diesem Werk seinen Vorsatz zu realisieren, den er auf der Seite 9 mit folgenden Worten beschreibt: „Das Betreten des Labyrinths bedeutet immer auch, in sich selbst einzutreten – ein ziemlich riskantes Unterfangen eigentlich. Nichts anderes kann ich anbieten als den Faden des Erzählens und der Empathie, der uns eines Tages aus dem Labyrinth der finsteren Zeitenwieder ans Licht führen soll.“ Zudem zeugt der Roman von der großen Belesenheit des Autors und wird die Leserschaft mit Sicherheit auch dazu inspirieren, sich mit mehreren in diesem Werk erscheinenden mythologischen oder geschichtlichen Anspielungen auseinanderzusetzen. Diesem Buch wohnt ein ganz besonderer Zauber inne und es wird wohl wenig vergleichbare Belletristik geben, die sich so fantasievoll und breit aufgestellt präsentiert. So habe ich z.B. in keinem anderen Buch bis jetzt etwas von der „Grammatik des Alterns“ gelesen, bei der den verschiedenen Lebensstadien ganz bestimmte Wortarten zugeordnet werden.

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