Schiffsbesteigung, Schulkameradinnenbegegnung, Schiffsübelkeit, Sportverursachte Schlafstörungen, Sonnenuntergang

„Entschuldigung, waren Sie auch auf dem Karlsgymnasium?“ sprach mich plötzlich eine sympathisch lächelnde Frau mit braunen langen Haaren, die zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammengebunden waren, an. Ich humpelte gerade mal wieder von starken Fußschmerzen gequält, aber immerhin mit einem leckeren After Eight-Eisbecher im Magen den viel zu schnellen Söhnen hinterher, um ihnen noch Insulinberechnungen hinterherzurufen.

So blieb ich stehen, stockte kurz, lächelte freundlich und dachte insgeheim: „Oh Gott, so muss man sich mit Demenz fühlen.“ Ich war von den beiden vorangegangenen Nächten so übermüdet, dass ich mich in dem Moment auf wenig konzentrieren konnte, freute mich jedoch riesig, dass bereits beim Besteigen des Schiffes solch ein glücklicher Zufall eingetreten war, dass wir beide uns nach über zwei Jahrzehnten viele Hunderte Kilometer von München entfernt, auf einer Kreuzfahrt auf dem westlichen Atlantik völlig unerwartet getroffen haben.

Johanna half meinem müden Gedächtnis auf die Sprünge und berichtete, dass sie zwei Jahre nach mir Abi gemacht hätte und nun auch ihr älterer Sohn in die siebte Klasse unserer ehemaligen Schule gehen würde. Als ich ihr gerade erklären wollte, warum es bei unserem Älteren ein Alarmsignal gegeben hatte -normalerweise sind immer alle Leute total irritiert, wenn sie dies zum ersten Mal vernehmen, meinte sie, dass sie mit Typ 1 Diabetes bestens vertraut sei, da ihr Mann ebenfalls diese Autoimmunerkrankung hätte. Die Jungs wippten sichtlich ungeduldig während unseres kurzen Gesprächs hin und her. Der Jüngere nutzte die Gunst der Stunde und stellte die Frage, welche er davor schon an einige andere relativ erfolglos gerichtet hatte, da er mir nicht glauben wollte. „Wo ist denn ein Fußballplatz auf dem Schiff? Und ist der überdacht?“

Er freute sich schließlich über die zufriedenstellende Antwort des Sohnes meiner ehemaligen Schulkameradin und drängte dann zum Weitergehen, hatte ich den beiden doch noch einen alkoholfreien Cocktail zur Feier des Einschiffungstages versprochen. So mussten wir das Gespräch leider relativ schnell erst einmal beenden, aber ich  freute mich doch ein wenig über die Tatsache, dass ich auch stolze 27 Jahre nach Verlassen des Gymnasiums von einer Mitschülerin auf den allerersten Blick erkannt wurde. Da kann ich doch – trotz der grauen Haare, extrem vielen Sorgen und Gebrechen und qualvollen Schmerzen ja noch gar nicht vollständig gealtert sein….Und man mag es gar nicht glauben, gerade an den Landtagen haben wir uns leider fast nie getroffen. So waren unsere Begegnungen an den Seetagen am Pool, im Café oder bei der Eisbar immer umso schöner und ich habe mich riesig über jedes Ratschen gefreut. Und auch unsere Söhne waren gerade von dem Sohn total begeistert und konnten ihr Glück gar nicht fassen, dass dieser so nah von unserem Wohnort entfernt wohnt, dass wir uns jederzeit auch zu Hause wieder treffen können, was mich natürlich auch ausgesprochen freuen würde.

Der Ankunftstag verflog mit der obligatorischen Sicherheitseinweisung, mit Kofferauspacken und dem ständigen Begehen elendig langer Flure, bei denen ich noch nie so viele Schmerzen verspürte wie bei der diesjährigen Kreuzfahrt. Und auch mit unserer Kabine war ich zu Beginn sehr unglücklich. Bemühe ich mich doch stets um eine Kabine in der Mitte des Schiffes aus Sorge vor Übelkeit bei unserem Jüngsten, hatten wir nun eine Kabine ganz vorne am Bug erwischt, von wo aus man zwar ziemlich direkt unter der Brücke war, aber nach meinem Geschmack schon viel zu viel der Schiffsbewegungen zu spüren bekam, obwohl wir noch gar nicht auf der hohen See waren.

Meine große Furcht vor noch stärkerer Schiffsübelkeit, hatten doch die 2 Meter hohen Wellen bei uns in der Bugkabine bereits für größeres Unbehagen und Unwohlsein gesorgt, konnte das Erleben eines unvergesslicher Sonnenuntergang in der schiffseigenen Sauna wenigstens für kurze Zeit vergessen machen. Diese Sauna befindet sich ganz hinten am Heck des Schiffes und bietet einem ein ganz besonderes Alliterationserlebnis in Form vom Sehen eines spektakulären Sonnenuntergangs in der Schiffssauna sitzend.

Glücklicherweise dürfen diese Sauna in Begleitung der Eltern auch schon Kinder ab 6 Jahren besuchen und geht man dabei antizyklisch, also z.B. in den Abendstunden, wenn die Mehrheit gerade ihr Abendessen einnimmt, vor, vermeidet man ein überfülltes Schwitzen wie es z.B. zu Aufgusszeiten der Fall ist. Allerdings unterschieden sich dabei deutlich das antizipierte und von mir imaginierte Saunavergnügen und die „harte“ Realität. Während ich es während eines alleinigen Saunaganges genieße, die Zeitungslektüre, zu der ich aus Zeitmangel sonst nie komme, während der 15 Minuten schwitzend zu absolvieren, nahm ich in die Schiffssauna selbstverständlich schon keine einzige Seite der Süddeutschen mit, hatte ich doch unseren Älteren im Schlepptau. Nachdem ich noch rasch bei diesem einen Unterzucker behoben und Katheter und Blutzuckersensor gründlich verklebt hatte, betrat ich mit ihm das Mineraliendampfbad, was für ihn eine Premiere war.

Das Dampfbad schien ihm nicht so recht aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit zu taugen, dafür gefiel ihm der Wasserschlauch ausgesprochen gut, den er nicht nur zum kurzen Reinigen seines eigenen Steinsitzes verwendete, sondern mit voller Inbrunst alle übrigen fünf Sitze schwungvoll in hohem Bogen mit einem dicken Wasserstrahl bedachte als müsse er sich um besonders trockene Tomatenstauden kümmern. Nach verrichteter Gießarbeit wurde ihm im Dampfbad trotz meiner vielfachen Konversationsversuche rasch langweilig und er verließ das Dampfbad, kehrte aber zuverlässig im Zweiminutentakt mit einem sehr schwungvollen Aufstoßen der Tür zum Dampfbad wieder zum selbigen zurück, so dass ich problemlos auch eine Stunde in diesem hätte verbringen können, ohne ins große Schwitzen zu geraten, sorgte er doch durch das ständige Hereinplatzen für die nötige Abkühlung.

„Ja, kannst du mich nicht einmal für zwei Minuten in Ruhe lassen?“, hob ich gerade entnervt an, als sich die Dampfbadtür abermals öffnete. Diesmal erblickte ich jedoch eine Frau in dunkelblauer Uniform, die mich auf den ersten Blick an eine Polizistin erinnerte. Für Frauen typisch habe ich ganz besonders dieses immer leicht Schuldbewusste tief in mir verankert und so zuckte ich merklich zusammen, als sie mich nach meinem Namen fragte und sagte, ich solle doch gleich mal bitte zu unserem im Spa-Bereich wartenden jüngeren Sohn, der eigentlich zum Fußballspielen mit einem vor kurzem kennengelernten Jungen verabredet gewesen war, kommen. Ich seufzte tief, wickelte ein großes Handtuch um meinen staubtrockenen Körper und eilte zum Wartebereich vor den Sparäumen.

„Mama“, empfing mich da lautstark und ganz verschwitzt unser Jüngster – sofort rügte uns eine Spadame, die gerade inmitten einer Wellnessbehandlung eines Gastes war. –„schau mal, ich habe gar nichts getan und plötzlich ist der Katheter abgegangen.“ Und drückte mir dabei die Insulinpumpe mit dem abgefallenen Infusionsset in die Hand. Ich seufzte abermals, eilte zum Älteren, um ihm zu erklären, dass ich kurz mal auf die Kabine müsse, um dem Jüngeren ein neues Infusionsset zu stechen und dann gleich zu ihm zurückkehren würde. „Mama, dann kann ich ja auch gleich danach mit euch in die Sauna gehen, oder?“ „Selbstverständlich, mein lieber Sohn“, bejahte ich, auch wenn ich mir die Stunde von 20.00 -21.00 Uhr, bis die Sauna schloss deutlich anders vorgestellt hatte.

Ich hatte extra beim Abendessen wesentlich schneller als üblich alles in mich hineingestopft, um ja noch pünktlich in den Wellnessbereich zu kommen und ein oder zwei Sauna- und Dampfbadgänge zu absolvieren. Nach dem ständigen Türöffnen und weiteren Unterbrechungen aufseiten des Älteren sowie dem Verlassen des Saunabereichs auf dem zwölften Deck bis zum neuen Katheterstechen beim Jüngeren in unserer Kabine auf Deck 6, zeigte der Zeiger der Uhr 20.55 Uhr an, so dass ich zwar auch Schweißperlen auf der Stirn, allerdings nicht verursacht durch einen Saunagang, hatte…

Dafür musste ich sehr schmunzeln, als der Jüngerer offenbar, der logischerweise mit den Saunagegebenheiten noch nicht gut vertraut ist, in diese ausschließlich mit dem allerkleinsten Handtuch, das er in der Kabine gefunden hatte, um die Hüften gewickelt, das mehr preisgab als wie es verdeckte, in der Sauna erschien, jedoch mittlerweile bereits mit der Bordkarte so verwachsen war, dass er die Sauna vollständig unbekleidet, dafür mit der Bordkarte an dem Langyard um seinen Hals baumelnd die Sauna betrat – ein Bild für die Götter..

So sehr ich mich über die große Sportaffinität unserer Söhne in Form des Tischtennis- und Fußballspielens an Bord freue, so sehr leide ich unter den Folgen dieser ungewohnt späten und wesentlich intensiveren Bewegungsform als üblich in den späten Nacht -bzw. den frühen Morgenstunden aufgrund des sogenannten Muskelauffülleffekts. Dieser bewirkt, dass, wenn sich die Jungs z.B. bis um 22.30 Uhr sportlich verausgabt haben, die Muskeln erst Stunden später Zuckernachschub brauchen und auf diese Weise ein Unterzucker nach dem anderen von mir in der Nacht durch die Gabe von Traubenzucker behoben werden muss.

Und öfters kommt es zudem dann auch noch zu einer Gegenregulation, wenn die Blutzuckerwerte zu lange zu tief waren, dass die Leber in eine solche Alarmbereitschaft versetzt wird, Glukagon freizusetzen, das zusammen mit den Traubenzuckergaben dann zu viel zu hohen Blutzuckerwerten führt, wie dies leider gleich in der ersten Nacht an Bord der Fall war, wo für mich an Schlaf mal wieder kaum zu denken war aufgrund der ständigen Insulinpumpenalarme und erfolglosen Bemühungen um einen stabilen Blutzuckerverlauf.

Beitrag veröffentlicht

von

Schlagwörter:

Weitere Beiträge

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert