
Die zweite fast schlaflos verbrachte Nacht war vorüber, in welcher der ständige Insulinpumpenalarm des Blutzuckersensors des Älteren, der immer wieder über einen längeren Zeitraum keine Werte mehr anzeigte, noch das geringste Problem war. Als ich gegen 2.00 Uhr nachts erschöpft nach dem Packen des fünften und letzten Koffers, dem Waschen der letzten Maschinenladung und noch diversen weiteren Haushaltstätigkeiten endlich eingeschlafen war, riss mich ein ohrenbetäubender Lärm aus dem mühsam erreichten Dämmerzustand.

Es blitzte und donnerte und kurz darauf peitschte eine beachtliche und bedrohlich wirkende Hagelmenge lautstark gegen die Rollläden und schlug auf die Dachfenster ein. Ich eilte in das Dachgeschoss, um noch einmal zu überprüfen, ob wirklich alle Fenster geschlossen waren und stellte mit Schrecken fest, dass meine Fußsohlen bereits beim Betreten der ersten Treppenstufen patschnass geworden waren, triefte es doch durch den Lüftungsschacht unseres viel zu hoch gelegenen Dachfensters im Flur so stark, dass sich das Wasser auf den Stufen verteilte und ich, selbst auf einem Hocker schmerzhaft balancierend, zu klein war, um den Lüftungsspalt verschließen zu können.

Das Hochschleppen einer Leiter aus dem Keller in das Dachgeschoß, um den Wassersturz zu beenden, hatte mich schlussendlich wieder hellwach gemacht, aber immerhin für eine gewisse Trockenheit inklusive einer erfolgten, von mir eigentlich vor dem Urlaub nicht mehr vorgesehenen Treppenreinigung gesorgt. In den frühen Morgenstunden scheiterte dann auch der letzte Einschlafversuch, als sich der erwachsene Sohn unserer Nachbarn lautstark mit seinen Freunden, unter denen sich offenbar auch eine meiner Elftklässlerinnen befand, für eine Autofahrt gen Süden bereitmachte und daran in voller Lautstärke die gesamte Nachbarschaft teilhaben ließ.

Meine grundsätzliche Sorge, nicht rechtzeitig zum Bahnhof zu gelangen, wurde durch ein relativ neu aufgetretenes Problem bei unserem VW-Bus noch intensiviert, als wir im Auto sitzend einen beißenden Geruch wahrnahmen. „Raucht der Hinterreifen?“, fragte unser Jüngerer sehr besorgt. Dies konnte glücklicherweise beim Blick in den Rückspiegel wenigstens zum gefragten Zeitpunkt verneint werden, aber das Bremsenproblem nebst einem ständig aufleuchtendem Warnlämpchen bezüglich des ABS-Systems konnte weder geleugnet noch ignoriert werden.

Mit Hängen und Würgen schafften wir es noch rechtzeitig zu den Gleisen des Münchner Hauptbahnhofs, welche schon übervoll waren, während auch 10 Minuten nach der vorhergesagten Abfahrt des Zuges vom selbigen noch weit und breit nichts zu sehen war. Und das deutlich verspätete Eintreffen unseres ICEs in Richtung nach Bremen sollte kein gutes Omen für den weiteren Streckenverlauf darstellen. Wir hatten den ersten Halt in Ingolstadt noch nicht lange verlassen, als unser Zug bereits auf offener Strecke stehen blieb. Bis Hannover bekamen wir folgende Ansage mit geringen Varianten immer wieder zu hören: „Wir haben eine technische Störung. Ein Team ist bereits vor Ort, um diese zu beheben.“ „Ich fahr nie wieder Zug!“ klagte eine Frau bereits kurz hinter Würzburg, als der Zug mal wieder auf offener Strecke und dieses Mal unangenehmerweise relativ lange im dunklen Tunnel steckenblieb.

Per Durchsage erfuhren wir, dass es nun ein Problem mit dem Triebkopf gäbe, der Techniker aber bereits vor Ort sei und dass wir an unserem nächsten Halt in Fulda wahrscheinlich „nur“ mit 45 Minuten Verspätung eintreffen würden. Im Laufe der Fahrt oder vielmehr des gehäuften Stehenbleibens akkumulierte sich die Verspätung dermaßen, dass ich zunächst meinen Augen nicht trauen wollte, als ich auf einer frisch eingetrudelten Mail von der deutschen Bahn meinem Smartphone entnehmen musste, dass unser gebuchter Halt in Bremen ersatzlos entfiele. Ich hatte gerade das Abteil der Zugchefin erreicht, bei der ich nachfragen wollte, ob dies nur eine versehentliche Mitteilung wäre, als sie allen im Zug über die Lautsprecheranlage diese Hiobsbotschaft überbrachte.

Immerhin muss ich sie sehr zum Schmunzeln gebracht haben, da sie inmitten ihrer Ansage mein Gesicht, das Bände zu sprechen schien, sah und so lachen musste, dass sie kurz ihre Durchsage unterbrach. Ich finde es bei der deutschen Bahn ja immer schon sehr beruhigend, wenn die Mitarbeiter freundlich agieren und die Verspätungsgründe mehr oder weniger plausibel erklären können. Dennoch versetzte mich diese Planänderung in großen Stress, reise ich ja nicht alleine, sondern habe stets noch die Zwillingssöhne mutterseelenallein zu bespaßen. Und irgendwann erschöpfte sich zwangsläufig die Lust am „Stadt, Land, Fluß“ – oder Quartettspielen und die einsetzende Müdigkeit in Kombination mit großer Langeweile entlud sich in ständigen nervtötenden Streitereien, die teilweise in Handgreiflichkeiten – natürlich nicht von meiner Seite aus – ausarteten, so dass mein Adrenalin- und Kortisolspiegel proportional zu der immer größer werdenden Verspätung bedenklich anstieg.

Dazu kam noch erschwerend hinzu, dass sich seit dem Halt in Würzburg eine an sich ganz liebe, aber irgendwie auch nicht ganz „frischbacherne“ mittelalte Frau aus Bremen, die jedes Wochenende ihren Lebensgefährten in Bamberg besucht, an uns heranwanzte und uns ihre gesamte Lebensgeschichte aufs Auge drückte. Jedoch bewahrheitete sich auch in dieser Situation das Sprichwort „Kein Schaden ohne Nutzen.“ und so war ich sehr gerührt, als sie uns an der erzwungenen und verführten Endhaltestelle in Hannover völlig selbstverständlich nicht nur beim Ausladen mit unseren schweren Koffern aus dem Zug half, sondern wir auch zusammen nach der nächsten Zugverbindung in Richtung Bremen suchten.

„Mama, ich muss dringend auf’s Klo.“ klagte unser Jüngster fünf Minuten nach unserem Ausstieg aus dem Zug. „Ja, warum warst du denn dann nicht im Zug?“ keifte ich. „Du hattest doch jetzt wirklich mehr als genug Zeit und so hättet ihr euch vielleicht fünf Minuten weniger gestritten.“ „Ja, da musste ich aber noch nicht.“ verkündete er mit unschuldiger Miene. Da unser nächster Zug erst eine knappe Stunde später losfahren sollte, hatten wir ja genügend Zeit. Allerdings schmerzen meine Füße mittlerweile schon nach kürzesten Strecken so stark, dass ich mich mit ihm durch den ganzen großen Bahnhof von Hannover quälte, ohne auch nur eine einzige Toilette zu finden. Schließlich war der Portier eines in der Nähe gelegenen Grandhotels so liebenswürdig und ließ unseren Sohn ausnahmsweise die Toilette benutzen, so dass wir doppelt erleichtert – er physisch, ich psychisch – die Zugweiterfahrt von Hannover nach Bremen antreten konnten.

Wohlgemerkt alles andere als stressfrei. Wir hatten uns schon relativ bequem auf dem angeschriebenem Gleis 11 fast häuslich eingerichtet, als fünf Minuten vor dem angekündigten Eintreffen des Zuges plötzlich folgende Ansage ertönte: „Aufgrund eines Brückenschadens (den offenbar wie auch immer ein Kanufahrer verursacht hatte) verkehrt der Regio nach Bremen heute ausnahmsweise auf dem Gleis 13. Genau diese kurzfristigen Gleisänderungen bedeuten für mich mit extrem viel Gepäck und höllischen Schmerzen immer puren Stress. Gerade hatte ich den Söhnen noch Essen abgewogen, das wir natürlich bereitwillig mit unserer lieben neuen Zugbekanntschaft geteilt hatten und verstaute die Waage, als ich in größter Hektik zu schnell die Koffer aufnehmen wollte und der rosa Schalenkoffer in das Gleisbett rutschte.

Ich fluchte laut, aber war vom Adrenalin so gepuscht, dass ich ohne zu überlegen, mich sofort halb in das Gleisbett stürzte und den schweren Koffer hochwuchtete. Erst als ich mit hochrotem Kopf und dem gerettetem Koffer wieder auf dem Bahnsteig aufgetaucht war, erschien neben mir ein Bahnmitarbeiter, der aufgrund meiner Bergungsaktion verständlicherweise „not amused“ war. Und nun staute sich an dem einzigen Lift eine so große Menschenschlange, dass wir den Gleiswechsel unmöglich so schnell geschafft hätten, wenn uns nicht die liebenswürdige Frau, die mich zuerst noch etwas genervt hatte, so beherzt geholfen hätte, dass wir es in Rekordzeit vollbracht hatten, alle fünf Koffer, gemeinsam die Treppen herunter und wieder hoch zu wuchten, um völlig verschwitzt in den Regio nach Bremen einsteigen zu können.

Nach 75 Minuten in einem völlig überfüllten Regiozug mit zwei – verständlicherweise – schlecht gelaunten Kindern im Schlepptau und einer liebenswerten, aber zugleich anstrengenden, da ständig Aufmerksamkeit einfordernden Dame, die sich mittlerweile als Melanie vorgestellt, das Du angeboten und erzählt hatte, dass sie seit 40 Jahren in der Bremer Verwaltung der Bundeswehr arbeitet, erreichten wir den Hauptbahnhof von Bremen, bei dem sich zu meinen Fuß- auch starke Kopfschmerzen gesellt hatten. Aufgrund des dortigen Auftakts eines mehrtägigen Musikfestivals und zahlreichen Straßensperrungen war es für uns relativ beschwerlich, das Hotel zu erreichen. Auch wenn es wesentlich erholsamer und vernünftiger gewesen wer, zu später Stunde einfach im Hotel zu bleiben, konnte ich es mir nicht nehmen lassen, mit den Kindern noch Bremen zu erkunden. Was zu Fuß für mich leider unmöglich gewesen wäre, ließ sich dank der entliehenen Räder gut bewältigen.

Und so fuhren wir ab 20.30 Uhr, etwas zu leicht bekleidet und daher fröstelnd, bei eisigem Wind durch Bremen hindurch, wobei jeder ein Wunschziel äußern durfte. Dabei verwunderte es mich wenig, als unser Jüngster gleich das Weserstadion als erste anzusteuernde Destination angab. Auch wenn mich Fußball so überhaupt nicht interessiert, mache ich natürlich (fast) alles, was unseren Söhnen gefällt und wurde auf diese Weise mit einem herrlichen Radweg direkt an der Weser verlaufend belohnt. Auf der linken Seite waren prächtige Villen zu bestaunen – die Bremer Millionärsdichte scheint in diesem Viertel nicht zu vernachlässigen zu sein -, auf der rechten Seite funkelte die Weser in der langsam untergehenden Sonne.

Das relativ neu modernisierte und mit beeindruckender Photovoltaik ausgestattete Weserstadion wurde von den Jungs von allen Seiten in Augenschein genommen, bevor wir uns wieder auf den Weg in die Innenstadt machten. Das Ausgehviertel, die sogenannte Schlachte, durfte dabei selbstverständlich ebenso wenig fehlen wie drei der vier Wahrzeichen Bremens, von denen zwei sogar dem UNESCO-Weltkulturerbe angehören. Leider war der St.Petri-Dom zu solch später Stunde nur von außen zu bestaunen – dafür lichttechnisch hervorragend in Szene gesetzt – , das Rolandsdenkmal fasziniert zu jeder Tages- und Nachtzeit gleichermaßen. Anschließend waren unser Älterer und ich so sehr mit seinem Wunsch, der Suche nach den Bremer Stadtmusikanten beschäftigt, dass wir, als wir diese endlich ein wenig versteckt gefunden hatten, plötzlich den Verlust unseres Jüngsten zu beklagen hatten.

So konnte ich leider nicht die Originalskulptur dieser berühmten Grimmschen Märchengruppe bewundern, vor deren Replik uns ein ukrainisches Pärchen zwei Monate zuvor in Riga fotografiert hatte, sondern machte mich besorgt mit Herzrasen unverzüglich auf die Suche nach unserem Jüngsten, der sich glücklicherweise meine gebetsmühlenartig wiederholten Worte zu Herzen genommen hatte und an der Stelle, wo er uns das letzte Mal gesehen und offenbar noch kurz den Worten eines nächtlichen Reiseführers gelauscht hatte, wartete. Ich wäre sehr gerne noch zu der bekannten Überseestadt gefahren. Die Jungs waren jedoch nach 22.30 Uhr schon so mitgenommen von der langen Fahrt und der kleinen Radtour, dass wir uns mit der Besichtigung des Weserstadions, dem Radfahren entlang der Weser, dem Eintauchen in das Nachtleben in der Schlachte, dem Flanieren in der Schnoor, Bremens ältestem Viertel, sowie dem Bestaunen des Doms, einem der schönsten Rathäuser von ganz Deutschland und der Rolandsstatue, welche bis heute den Bremern die Freiheitsrechte verkündet, zufrieden gaben.

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